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Neue Wege - 9. Teil
Tragischer Weise erwachte man
jeden Morgen wieder und fand sich im gleichen Leben vor, dass man am
Abend zuvor lebte, stellte Morod mit einem tiefen Seufzen fest als er
sich den Schlaf aus den Augen rieb und sein Bewusstsein in die Realität
zurückkehrte.
Ein zarter Nachgeschmack in Form eines verträumten Lächelns lag noch
auf seinen Lippen. Wieder seufzte er leise und verabschiedete sich von
seinen Visionen im Schlaf. Lang war noch der Weg bis zu seinem Ziel,
welches ihn heute Nacht bereits im Traum all die wunderbaren Vorzüge
erleben ließ, die bei Erreichen des Zieles auf ihn warteten.
Morod war das, was man gemeinhin als Morgenmuffel bezeichnete. Es gab
nur wenige Tage im Jahr an denen er vergnügt das Bett verließ. Dieser
gehörte ganz sicher nicht dazu.
Nicht nur, weil der angenehme Traum vom Leben als machtvoller Zauberer
mit dem Erwachen ein jähes Ende fand, sondern auch, weil Morod
schlagartig wieder einfiel, dass er seit dem Besuch beim Vogt Drei
Weidens vor zwei Tagen ein Problem lösen musste.
Das Problem mit den magischen Siegeln.
Es war ihm gelungen, diesen Halsabschneider von einem Vogt, diesen
Erfinder steuerrechtlicher Tiefschläge und Ausbeuterei, jenen
Folterknecht der Steuerzahler an der Nase herumzuführen und seinen zukünftigen
Steuersatz in annehmbare, wie auch verschwindend geringe Dimensionen zu
leiten. Doch die Götter verabscheuten ohne Zweifel die Einfachheit des
Lebens und so war es gekommen, dass der wahrscheinlich geringste, jemals
ausgewiesene Steuersatz Drei Weidens mit Morods Zeit und
Einfallsreichtum aufzuwerten sein würde.
Der Vogt, nur wer ihm dies Amt verliehen hatte, mochte eine noch
teuflischere Kreatur sein, war zwar vorerst besänftigt, doch Morod sann
seitdem darüber nach, ob er am Ende nicht vielleicht doch der Dumme
war. Den niedrigen Steuersatz musste er nämlich mit unentgeltlichen
Beratungen und kleineren Diensten, Gefälligkeiten hatte es dieser
uniformierte Goldsack genant, aufwiegen. Das Morod selbst und zuerst als
mögliche Gefälligkeiten angeboten hatte, spielte derzeit keine Rolle
und Morod verdrängte dies gewissenhaft. Kein Mensch hatte den Vogt
gezwungen dies rein theoretische Angebot annehmen zu müssen.
Natürlich war die Not groß gewesen und er in mitten der Verhandlungen
über angemessene Steuerhöhen in großem Zeitdruck als Morod mit einem
genialen Einfall nach dem anderen gegen die Hinterhältigkeit des
Steuereintreibers antrat. Die Idee mit diesen Siegeln aufzuwarten, war
aber wirklich nicht die allerbeste gewesen, gestand er sich nun ein.
Nicht, dass solche Art der Segel nicht machbar gewesen wären, nein, das
Problem lag eher darin, dass er, Morod, noch nie solche Siegel
hergestellt hatte. Genauer gesagt, er hatte bisher nur zweimal ein
solches Siegel vor Augen gehabt. Eines auf einem Brief seines ehemaligen
Lehrmeisters, den Morod zu einem Magier in der Provinz bringen musste
und eines in einem Buch, indem er darüber gelesen hatte, da besagter
Brief damals von ihm nicht zu öffnen gewesen war und somit die Neugier
zu Nachforschungen antrieb, um Niederlagen gleicher Art zukünftig zu
vermeiden. Leider war dies Werk nur ein rein informatives Sachbuch
gewesen, dass jegliche Anleitung oder Wirkungsformel vermissen ließ und
so hatte er Studien darüber auf später verschoben. Wie hätte er auch
ahnen können, dass ihn die Erkenntnis ob nicht wieder aufgenommener
Forschung bezüglich Schutzmagie zur Abwehr neugieriger Leser bereits
nach wenigen Jahren so leidvoll einholen würde.
Kurz gesagt, Morods Vertrautheit mit dieser Art der Schutzmagie war
vergleichbar mit dem Wissensstand eines Schreiberlings, der erstmals
eine Kuh sah. Besagtem, zur Veranschaulichung erdachtem Schreiberling
war klar, irgendwo aus diesem Tier kam Milch heraus und diese war vielfältig
verwertbar. Ganz so, wie Morod klar war, dass dese Siegel wirklich
herstellbar und zudem in verschiedenen Ausführungen anzufertigen waren.
Wissen also, dass im belanglosen Gespräch durchaus von arkane
Allgemeinbildung zeugte, jedoch die Lösung des Problems, derartige
Siegel für diesen Überträger der Goldschwindsucht herstellen zu müssen,
in keiner Weise lieferte.
„Verruchte Narretei und verruchter, dreiweidischer Langfinger!“,
fluchte er vor sich hin, während er sich je zwei Finger in der Waschschüssel
befeuchtete und damit die noch vom Schlaf verquollenen Augen besuchte,
um so dem lästigen Ritual der Morgentoilette Rechnung zu tragen.
Derartiges Denken des Adepten, wie auch die sparsam, aber wohl bedachten
Worte am frühen Morgen legen nahe, dass Morods Laune wie so oft und
trotz des angenehmen Traumes in der nacht nicht die wünschenswerteste
war. Die Götter, das Schicksal oder wer auch immer machte sich eine
Freude damit, ihm tagtäglich neue Steine auf den Weg nach ganz Oben zu
legen und damit war an ein ausgeglichenes Gemüt oder ein zufriedenes
Dahinleben nicht zu denken. Jedenfalls sah er es genau so und nicht
anders und das Kapitel seiner Ansichten, dass sich mit Bürokraten,
Diener des Reiches und Verwaltung im allgemeinen und insbesondere die
Steuerpflicht rechtschaffender Bürger (wie ihn) behandelte, erhielt
just in diesem Augenblick morgendlichen Wachwerdens einige neue,
durchaus deftige Einträge.
Den gesamten Vormittag, wie auch Teile des Nachmittags, verbrachte Morod
leise fluchend (nicht aus Anstand, sondern nur, weil lautes Fluchen
durch heftiges „Pscht“ von hier und dort kommentiert wurde) in der
Bibliothek und suchte nach einem Buch, dass genaue Auskunft über die
Siegel gab, die er benötigte. Vor allem nach einer Rezeptur für das
Wachs und den notwendigen arkanen Formeln.
Als er endlich fand, wonach er suchte und dies mit einem beherzten,
aufrichtigen Laut der Freude (es war ein etwas intellektuell
angehauchtes Juchu) kundtat, ertrug er sogar mit einem Lächeln den
Pscht-Chor, der für wenige Atemzüge die Bibliothek erfüllte.
Mit neuer Zuversicht und dem Gefühl alles würde gut, machte sich Morod
auf in seine Räumlichkeiten. Es galt das Geheimnis der Siegel zu
studieren und alsdann selbige herzustellen. Wie die Wirklichkeit jenes
zufriedene Lächeln Morods mittels einer schonungslosen Offenbarung der
Tatsächlichkeit fortwischen würde, ahnte der würdevoll
dahinschreitende Adept mit dem Buch unter dem Arm noch nicht.
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