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Tod eines Ehrlosen
(Autor: PO Celysis)

Sie bewegte sich wie so oft durch die Strassen Vespers, diesmal jedoch wartete sie nicht auf Berengor oder auf irgendjemand anders, um ein Geschäft abzuschließen, diesmal war sie diejenige, welche die Zügel in beiden Händen hielt, die genau wusste, was zu tun war, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten. 
Tagelang hatte sie den Mann beobachtet, immer wieder war sie kurz in seiner Nähe gewesen, ohne allzu sehr aufzufallen, darauf hatte sie sorgfältig geachtet. 
Wenn man einen Körper besaß, der Aufsehen durch seine Formen erregte, wenn sie dieses wollte, dann war es fast leichter, dieses nicht zu erregen, indem sie ihre Haltung und den Gang ein wenig anpasste und vielleicht nur eine langweilige, alte Robe trug. 
Cavans Freilufttaverne war der ideale Ort für das, was sie vorhatte, vor allem deswegen, weil ihr Ziel dort öfter zu sitzen pflegte, um in seiner unangenehmen Art den vorbeigehenden Frauen zu gefallen. 
Selten hatte sie ein Mann mit solchem Abscheu erfüllt, die meisten ihrer Opfer waren noch auf irgend eine Weise anziehend gewesen oder besaßen persönliche Vorteile, Vorzüge, die vielleicht in ihrem Wesen noch verankert lagen, aber dieser Mann war durch und durch ekelhaft. 
Sie verstand nicht, was die Hafenhuren an ihm fanden, dass sie sich ihm hingegeben hatten. Letzten Endes hatte eine jede Hure die Wahl, ob sie mit einem Mann zu einem der verabredeten Orte ging, und eine Frau, die ein widerwärtiges Ekel wie diesen Mann akzeptierte, musste wohl entweder sehr bereit zum Beischlaf sein oder kaum anderes Gold verdienen. 
Leicht fuhr sie mit der Zunge über die durch das heiße Wetter rissig gewordenen Lippen und konzentrierte ihre Gedanken, die für einen Moment abzuschweifen drohten, wieder auf ihr Opfer. 
Es wäre nicht schade um diese unangenehme Gestalt, sagte sie sich, sollte doch Yahane das Vergnügen erhalten, sich diesen Mann vornehmen zu müssen. 
In der leicht gebeugten Haltung, den Kopf unter der Kapuze der Robe verborgen, mit einem gestalt wandelnden Zauber, den sie sich teuer von jemandem gekauft hatte, der nicht nach ihrem Zweck gefragt hatte, schlurfte sie in Richtung Magierladen, dort, wo man normalerweise Schriftrollen und magische Spruchrollen erwerben konnte. Sie bewegte sich die Treppen hinauf auf das Dach, sehr leise nun, um zuerst abzusichern, dass dort niemand war, der sie aufschrecken konnte. Für jeden anderen wäre ihre Gestalt wohl nur eine ältere Adeptin der Magie gewesen, oder ein Kräuterweiblein, das zum Verkauf von Dingen und zum Ankauf anderer in die Stadt gekommen war. 
Das Dach war leer, doch sie hielt sich nicht damit auf, auf ihr Glück zu vertrauen. Allzu viel Hochmut und Vertrauen darauf waren tödlich, wie viele getötete Assassinen bewiesen. 
Mit einem grimmigen Lächeln auf den geschwungenen, weichen Lippen überzeugte sie sich, dass tatsächlich niemand dort war, wo er nicht hätte sein sollen, dann verharrte sie, sich in eine der Ecken der Wände pressend. 
Die Finger tasteten zu ihrem schmalen, langen Blasrohr, das sie unter der Robe an ihrem Körper verborgen hatte, sie legte es auf die Brüstung der Mauer an und atmete tief ein, mit all ihren zum Zerreißen gespannten Sinnen nach einem möglichen Anwesenden forschend. Die letzte Unsicherheit blieb, Anwender von Magie konnten sich, wie sie es nun durch einen Trank tat, leicht unsichtbar machen. 
Gerade war er wieder dabei, mit seinen rüden Worten und dem gierigen Blick eine vorbeilaufende Frau zu verfolgen. Dieses schon zurückweichende, leicht gräuliche Haar, die untersetzte, wenn auch kräftige Gestalt, sein ganzes, schmieriges Benehmen ließen ihr die Bewegungen leicht fallen, die sie zuvor getan hatte, als sie das Blasrohr mit einem vergifteten, kleinen Dorn zu einer tödlichen Waffe gemacht hatte. 
Als er sich vorneigte, um der Frau in dem weit schwingenden Kleid nachzustieren, pustete sie einmal scharf und heftig in das Rohr, wissend, dass der Dorn sein Ziel finden würde. 
Im Blasrohr war sie eine der Besten überhaupt gewesen, vor allem, weil diese Waffe die Einheit von Körper und Geist verlangte, wenn man oftmals ewig lange auf den richtigen Moment zum Schuss warten musste, nicht zittern oder zaudern durfte, wenn dieser Moment erreicht war. 

Er fasste sich an den Hals, kratzte sich an einer Stelle nahe der Schlagader, und sie lächelte zufrieden. Es hatte getroffen, wie sie es wollte, nun musste sie nur noch von hier verschwinden und auf seinen Tod warten. Gebückt schlurfte sie die Treppen hinab, wieder mit dem Blick nach allen Seiten huschend, um sich zu vergewissern, dass dort niemand gewesen war, der sie hatte auftauchen und verschwinden sehen. Das Gift würde sich jetzt schon langsam durch seine Adern zum Herzen schleppen, bis es dieses erreicht hatte. Dort würde es eine Weile verharren und schließlich einen tödlichen Muskelkrampf auslösen. Wenn dieser begann, musste sie fort sein, damit nicht einmal der Schatten eines Verdachtes auf sie fallen würde. 
Die Dornen waren so geschnitzt, dass sie nur ein winziges Loch verursachten, das dann aufgrund der Hautrötung im Todesfall nicht mehr besonders auffallen würde, der Dorn selbst war, wie sie es geplant hatte, längst zu Boden gefallen und verschwand im Dreck desselben. 
Als sie aus dem Gebäude trat, einige flüchtige magisch wirkende Phrasen vor sich hinmurmelnd, sah sie ihn noch immer an den Bänken sitzen, er rief ihr sogar noch eine spöttische Bemerkung zu über ihren gebeugten Gang ... 
In sich hinein lächelte sie, es würden seine letzten Worte sein. 

Als sie später in ihrer normalen Gestalt vorbeiritt, stand der Heiler von Vesper über die Gestalt ihres Opfers gebeugt und schüttelte den Kopf, einige Worte mit Cavan und Anne wechselnd, die besorgt um das Röcheln ihres Kunden geworden waren, der nun dahingestreckt auf dem dreckigen Boden lag. 
Sie ließ das Pferd nach einem angemessenen Gaffen und harschen Worten einer herbeigeeilten Stadtwache weitertraben, sich nicht anders verhaltend wie alle Bürger der Stadt, die diesen Zwischenfall als angenehme Unterbrechung ihres täglichen Daseins empfunden hatten. 

Sie lenkte den Schritt des Wallachs zum Haus ihres Liebsten, in der Hoffnung, ihn anzutreffen, um ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen. Doch schon, als sie in die Nähe des Hauses kam, hörte sie die fröhlichen Stimmen des Mannes, den sie so sehr liebte, und der Frau, die sie sich am liebsten weit weg wünschen würde, wüsste sie nicht, dass er dann unglücklich wäre. 
Mit einem fast traurigen Kopfschütteln wendete sie ihr Tier, den Blick fest auf die Mähne gerichtet. 
Es war einige Tage her, dass sie sich zuletzt gesehen hatten, und es würden wohl wieder mehrere Tage ins Land gehen, bis er aus dem sonnigen Glück seines nun wieder von ihr bewohnten Heimes zu ihr kommen würde. 
Sie war so glücklich, wenn er nahe bei ihr war, wenn sie einander beiwohnten, Zärtlichkeiten, heiße Küsse oder auch einfach nur Worte austauschten, um das stille Glück zu genießen, dass ihnen seltsam gesonnene Götter geschenkt hatten. Nun würde sie wieder in die Wälder zurückkehren, wohin sie wohl gehörte ... 
Und schweigend dem Tagewerk nachgehen, hoffend, wünschend, aber schweigend. 
Den Abgrund ihres Gefühls würde sie niemandem offenbaren, die schmerzliche Gratwanderung zwischen absolutem Glück und hoffnungsloser Leere, wenn er ihr fern war. Die andere war seine Hauptfrau, keines seiner Worte hatte sie jemals daran zweifeln lassen, und eines Tages würde er ihr die Ehe antragen, während sie selbst die Geliebte blieb. Es war besser so, die andere hatte alles, was sie nicht nur zur Frau des Bogenmachers vorherbestimmte, sondern auch zur Frau eines Barons, der er nun einmal war. 
Vielleicht würde sie eines Tages weiterziehen, wenn sich das Glück von ihm und der anderen in einem Kind offenbarte, denn eine Familie wollte und konnte sie nicht bekämpfen oder auch nur beeinflussen. 
Es war richtig so, wie sie entschieden hatte, denn er war ja schon länger mit der anderen zusammen, hatte diese schon viel besser kennengelernt als sie selbst, aber dennoch war es ein dumpfer Schmerz, der das Gefühl ihres Glückes ab und an stocken und verstummen ließ. 
Diese Frau hätte sie am liebsten getötet, als sie das letzte Mal mit ihren ewigen Klagen und Nörgeleien angefangen hatte, ins Gästehaus umzuziehen, um ihr nicht einen Platz wegzunehmen, um sie nicht zum Leben im Wald zu zwingen. 
Berengor hatte unglücklich ausgesehen, als sie selbst mitgekommen war, klare Worte erzwingend, und schließlich hatte sie sich ohnmächtig eingestehen müssen, dass jedes Wort an diese Frau, die ihr zu manchen Zeiten als sehr sympathisch erschienen war, zu manchen Zeiten schlichtweg verschwendet war. 
Was fand er nur an dieser Frau, die so leicht unzufrieden war und nörgelte, sinn- und zwecklose Sachen aufwarf, über Dinge diskutierte, die der Diskussion nicht würdig waren? 
Ahnte diese Frau überhaupt etwas von den Abgründen des Lebens, wenn sie nicht gerade wieder einmal mit sich selbst und ihrem eingebildeten Leiden, der eingebildeten Vernachlässigung beschäftigt war? 
Wahrscheinlich nicht ... sie seufzte, die Axt aus dem Gürtel lösend, während sie das Pferd an einen Baum anband. 
Dann begann sie Holz zu hacken, um ihrem Tagewerk nachzukommen, von dem sie bereits einen Teil erfolgreich erledigt hatte, jeder Gedanke nun bei ihm, sich nicht mehr konzentrieren müssend, weil die Bewegungen mechanisch und kontrolliert längst ein Teil ihres Lebens geworden war. 

Ich ... 
liebe ... 
Dich ... 

dachte sie, jedes Wort ein neuer Schlag mit der Axt aus Schattenerz in das weiche, biegsame Holz, jedes neue Wort eine neue Verletzung im Baum, um die eigenen Verletzungen, die eigene Schwäche zu überdecken. 

Nimm ... 
Mich ... 
Hin ... 
Und ... 
Ich ... 
Gehöre ... 
Dir ... 
Allein. 

 

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