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Vesper
(Autor: PO Celysis)

Als sie die Türe hinter sich ins Schloss zog, klang es wie die Endgültigkeit einer Entscheidung, die sie nur zum Teil selbst getroffen hatte. 
Als sie den Schlüsselbund mit den Schlüsseln zur Werkstatt in den Briefkasten warf und sich vergewissert hatte, dass er auch dort hineingefallen war, wusste sie, dass diese Türe da für eine lange Zeit geschlossen bleiben würde. 
Ihre Finger tasteten nach dem schmalen, goldenen Schlüssel, den sie an einer feingliedrigen Kette um den Hals gehängt hatte. Es war eigentlich idiotisch, sich an solch ein Ding zu hängen, und doch war es für sie das wertvollste Geschenk neben dem Beutel Wüstensand, den er ihr auf die Werkbank gestellt hatte. 
Was sollte sie schon mit einem teuren Pferd aus dem Süden, denn reiten konnte sie nicht gut, es wäre nur Verschwendung ... ebenso die Waffe, welche er ihr gegeben hatte ... und all die anderen kleinen Dinge, die sie nur widerstrebend hatte annehmen können. 
Es war ein Abschied im Streit, ein Abschied im Schmerz, der tief in eine Wunde bohrte, die sie nicht heilen lassen konnte. Durch ihn war ihre raue, kalte Schale aufgesprungen und nun sah sie sich einer Menge unkontrollierter Gefühle gegenübergestellt, die sie nicht mehr im Griff hatte, bei denen sie schlichtweg nicht mehr wusste, was sie tun sollte. 
Esteban würde seinen Weg gehen, mit seinen Kindern, den Gedanken an seine tote Frau ... und vielleicht würde er sie bald vergessen haben. Das war besser so für sie beide. 
Es war kein Spiel gewesen, und genau deswegen schmerzte es sie so sehr. Einmal noch blickte sie sich zu dem Haus um, das ihr für wenige Tage eine kleine Zuflucht geboten hatte, die Stille der Werkstatt und die Möglichkeit, sich in Ruhe auf etwas zu konzentrieren, hatten ihr wohlgetan. Doch wahrscheinlich mussten alle Momente der Ruhe in ihren ungeschickten Fingern zu Staub zerfallen ... 

Als sie ihre neu gemietete Kiste eingeräumt hatte, warf sie einen Blick auf ihre trübseligen, wenigen Habseligkeiten, die nicht neu waren und auch nichts besonderes darstellten. Sachen, die sich einfach austauschen ließen, wenn sie einmal würde fliehen müssen, wenn ihre Person nicht mehr sicher war. Sie blickte auf die Armbrust herab, welche ihr einst von Berengor auf Buc's geschenkt worden war und fuhr mit dem Zeigefinger die elegant geformten Teile der Waffe entlang. Wie hatte sie diese Waffe vor einigen Tagen noch ihm gegenüber bezeichnet? 
Ein treuer und stiller Liebhaber .. jetzt war er es, dessen Hände über ihren Leib glitten, sie entflammen ließen, getreu seiner Frage, ob sie sich denn nicht nach der Umarmung eines lebendigen Liebhabers sehnen würde. Sie hatte es nicht gewusst, bis zu dem Augenblick, an dem aus einer Massage, die sie mit allen Regeln der Verführungskunst in einem Spiel hatte enden lassen wollen, zu Ernst geworden war, zu einem derartigen Ernst, der sie selbst erstaunte und nun auch erschreckte. 
Was war es, was sie plötzlich hatte so nachgiebig werden lassen? Das unbestimmte Sehnen in ihrem Bauch, das gleichzeitig diesem sanfthändigen Valianer und Esteban galt? Sie musste vergessen, vergessen, vergessen .. und mit jedem seiner Stöße hatte sie sich nur noch mehr erinnert und schließlich, nachdem der Punkt ohne Wiederkehr süß und flammend überschritten gewesen war, hatte sie gar nicht mehr gedacht, nicht mehr denken können, all ihre Gefühle auf diesen einzigen brennenden Punkt gerichtet, den sie beide heftig keuchend geteilt hatten. 
Sie trat zum Wasser hin und blickte hinaus, als würde ihr die sachte Bewegung der Wellen irgendeinen Hinweis geben können, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie war im gewissen Sinne eine Jägerin, und sie musste ihre flüchtende Beute erlegen ... 
Doch was, wenn eine andere Art der Beute ihre fliehenden Gedanken darstellten? Berengor selbst war mit dieser jungen Frau zusammen, zu der sie ihn damals im Wald geschleppt hatte. Jetzt war er noch von Celysis eingenommen, aber was würde sein, wenn sich der Alltag erneut einschlich? Was würde sein, wenn seine Liebste ihren Anspruch auf ihn ausbauen würde? 
Sie würde gehen müssen ... denn im Dorf der Valianer war kein Platz für sie, sie würde gehen, sich irgendwo hin zurückziehen und in Einsamkeit weiterhin leben. 
Was änderten die heißen Momente, die sie mit Berengor geteilt hatten, an den Tatsachen? Er war lieb, freundlich zu ihr, aber auch er hatte Pflichten und ein Leben, in das er hineingehörte. 
Berengor ... Esteban ... warum hatte sie diese beiden auf Buc's kennengelernt und fühlte sich angezogen? 
In Estebans Falle war es eine schmerzliche Anziehung, allein der Gedanke an sein leeres Gesicht und den Brief mit der Bitte um ihren Auszug trieben ihr die Tränen in die Augen und sie kämpfte sie mühsam nieder. 
Und bei Berengor fühlte sie sich wohl, sicher ... für eine Weile, bis er wieder weg war, um einer seiner vielen Pflichten nachzugehen. Er hatte sie darum gebeten, ihrer beider gemeinsame Erlebnisse geheimzuhalten, und wenn eine Assassinin eines konnte, dann war es Schweigen. Jedoch war es schwer, neben ihm zu sitzen, ohne ihm über das Haar streichen zu dürfen, unendlich schwer, die Phrasen zu sprechen, die man in Gesellschaft so von sich zu geben hatte. 
Wenn sie an den gestrigen Abend dachte, war sie froh, dass die Gebrüder de Monta nicht unter den Tisch geschaut hatten. Es hätte beider kultivierte Gesichtszüge wohl deutlich entgleisen lassen ... hier war es Spiel gewesen, Spiel, das ablenken sollte von den Tatsächlichkeiten, die von zwei hungrigen Händen bewerkstelligt werden konnten. Von der Geschichte des Erzählers, welcher am selben Tisch gesessen hatte, wusste sie heute nichts mehr. 

Würde es irgendwo ein Verweilen geben können? Vielleicht in einem kleinen, abgelegenen Haus, in der Ruhe des Waldes oder nahe beim Wasser, wie es für eine Frau, die ihre Ruhe wollte, richtig war. Unabhängigkeit hatte es Berengor genannt. Wie gefangen musste er sich wohl fühlen, zwischen Pflicht, einer anderen Liebe und unzähligen anderen Dingen, die sie nicht einmal ermessen konnte. Heute beim Holzhacken im Wald war er enstpannt gewesen, bei weitem nicht so reserviert wie in der Öffentlichkeit, wenn es wichtige Dinge zu bereden gab. Vielleicht sehnte er sich auch einfach nur nach ein klein wenig Ruhe, in der Hoffnung, sie in ihren Armen zu finden. 
Er war schön, wenn er so entspannt lächelte wie heute, und wenn sein Blick über ihr Gesicht glitt, über ihren Körper, der sonst nur ein Instrument des Tötens oder der Vorbereitung auf den Tod war, fühlte sie sich schön, wie eine normale Frau, eine unter vielen, eine, die kein Spiel spielen musste, um zu überleben oder nur um Ruhe in das eigene Herz zu bringen. 

Würde sie bei ihm verweilen können? Er gab sich alle Mühe, ihr zu schenken, was sie suchte. Aber ob sie es bei ihm und mit ihm finden würde, ob er bei ihr finden konnte, was er so hungrig begehrte, das konnte die Zukunft allein entscheiden. Am Wasser sitzend packte sie die Zigarre aus, welche sie vom gestrigen Abend noch übrig behalten hatte und steckte sie mit einem kleinen Hölzchen vom nahen Bergarbeiterfeuer an. Genießend paffte sie eine Weile vor sich hin und verdunkelte die Luft um sich herum mit Rauchschwaden. So lange hatte sie nicht mehr geraucht ... 

...und bevor sich die Gedanken zu einem kleinen Hinterzimmer einer Kammer voller Todeswerkzeugen zuwenden konnten, die in ihrer Erinnerung Schmerz und Angst hinterlassen hatte, verbannte sie alle Bilder aus ihrem Kopf und konzentrierte sich allein auf den Rauch, ihn zu kleinen Ringen formend, wenn sie ausatmete. Sie wünschte, Leron wäre hier und sie könnte alles mit ihm besprechen, so wie sie es früher als Kinder getan hatten, bevor er so seltsam fremd geworden war, bevor ihr Herz gehüpft hatte, wenn sie ihn erblickt hatte. Dumme jugendliche Phantasien, lächelte sie über sich, aber gleichzeitig seufzte sie dabei. Es hatte einen Keil zwischen einstige beste Freunde getrieben, dass sie beide gealtert waren ...und nichts war mehr wie früher. 

Allein die Zukunft konnte zeigen, was passieren würde ... und allein in der Zukunft weilten für lange Zeit noch ihre Gedanken, bevor sie sich auf den Weg nach Vesper machte, um die Nacht im Gasthaus zu verbringen ... 

Allein.

 

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