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Die verschlossene Tür
Seine linker Arm lag auf dem Bottichrand und seine rechte Hand lag im Wasser neben ihm, berührte den Dolch.
"Vertraue nie dem Moment und lebe stets als sei einer der Deinen in der Nähe"
erklang die Stimme des Meisters in seinem Kopf.
Der Raum lag in dämmrigen Kerzenschein und lies die Schatten tanzen. Die schweren, roten, sich in zahllosen Wellen an der Wand erstreckenden Vorhänge, verliehen dem Raum etwas kulthaftes, dämpften die Geräusche, die das Badehaus erfüllten. Die Luft war geschwängert vom Wassernebel, der einen zarten Dunstschleier schuf.
Er mochte diese Atmosphäre. Sie gab diesem Ort einen besonderen Flair. Ein Ambiente, das im Vergleich zu der Welt da draußen ermöglichte Ruhe zu finden und die Gedanken zu ordnen.
Seine stahlblauen Augen waren erfüllt vom Ausdruck der Entspannung und die kleinen Schweißperlen vermischten sich mit den Wassertropfen auf seiner dunklen, südländischen Haut. Das lange, schwarze Haar, dessen Spitzen nass am Körper hafteten, fiel über seine Schultern.
Tief und regelmäßig ging sein Atem. Bewusst sog er das Leben in seinen Körper und entließ es wieder. Deutlich spürte er, wie seine Muskeln die Kraft aufnahmen, die in dem unsichtbaren
Elixier lag, das alles Leben umgab.
"Deine Atmung ist der Schlüssel all deines Tun"
sprach es in ihm.
Er dachte wieder einmal nach.
Seine Gedanken holten die Erinnerung zurück und er spürte die Aufkommende Unruhe, die er mit der Atemübung Niederzuringen suchte. Er kannte seine Schwächen,
wusste um die Situationen, da er Fehler begehen konnte. Doch allein dies Wissen war nicht ausreichend, um es auch zu vermeiden. Es war ihm manchmal nicht möglich gegen Instinkte, Reflexe oder tief in ihm vorhandene Gefühle anzugehen. Es gab Momente, da man fast machtlos dem gegenüber stand, was man selbst tat oder empfand. Gleich allem, was man sich auch vorgenommen oder gewünscht hatte.
All die Disziplin, all die Lehren und Übungen vermochten nicht zu verhindern,
dass er blieb, was er war. Ein Mensch.
Tief atmete er ein, hob die Schultern mit an, um so noch mehr von der Luft in die Lungen zu ziehen. Ruhig und gleichmäßig atmete er wieder aus, wiederholte die Übung einige male.
"Vertraue nie dem Moment und lebe stets als sei einer der Deinen in der Nähe"
erklang die Stimme des Meisters erneut in seinem Kopf.
Kaum, dass die Regel in seinem Schädel verklungen war, widmete er sich noch wachsamer seiner Umgebung. Irgendwoher, aus einem der anderen Badebereichen, erklang das Stöhnen eines Mannes, gepaart mit den übertriebenen Seufzern und Schreien, eines dieser käuflichen Mädchen, die Madame Lulu hier angestellt hatte.
Immer wieder hörte man es leise Plätschern oder einer der Hausangestellten kippte Heißes Wasser nach. Hier ein Poltern oder die zuschlagende Türe, wenn ein Kunde ging oder kam.
Alles schien normal und er lehnte seinen Kopf an, schloss für einige Herzschläge die Augen.
Erneut formte sich die Erinnerung in seinen Gedanken und holte ihn ein.
Wieder sah er sie vor sich, sah die Bilder von gemeinsam Erlebtem und spürte fast körperlich die Vergangenheit. Als sei sie real, sah er sie vor seinem geistigen Auge neben sich sitzen, hier in dem Bottich des Badehauses auf Buc's. Ihr Haar, ihr Blick, die Form ihrer Gestalt, Details ihrer Haut, alles schien so wirklich und dann verschwamm plötzlich ihre Gestalt, veränderte sich und nahm neue Form an.
Wieder sah er eine Frau vor sich, doch war es nicht Dalina, jene Frau, die einmal erreicht hatte, was er seit dem mit eiserner Disziplin abschottete.
"Gefühle bedeuten Schwäche! Schwäche macht Verwundbar! Verwundbarkeit bedeutet den Tod!"
hallten plötzlich die Worte seines Lehrmeisters in seinem Schädel.
Weiter atmete er, wie er es gelehrt worden war, um die innere Ruhe zu finden, die Kraft in die Muskeln zu bringen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Aber es gelang ihm nicht völlig.
Er vermochte nicht, wie all die Jahre zuvor, sich gegen das zu wehren, dass
sich in ihm regte. Sie blieb dort sitzen und er spürte, wie die Türe in den Tiefen seines Seins geöffnet wurde, die er so lange verschlossen gehalten hatte. Er konzentrierte sich, versuchte sich dagegen zu wehren, sie wieder zu zuschlagen, doch sie schnappte nicht ins
Schloss ein, blieb einen Spalt geöffnet.
Er erinnerte sich des Mannes. Dem Mann der aus seiner Heimat stammte, sah sie bei ihm stehen. Erinnerte sich, wie er entgegen seiner Handlungsweise zweimal in die Nähe gegangen war, um nach ihr zu sehen. Er spürte den zarten Sog, der ihn in ihre Nähe zog. Spürte wieder ihre Blicke, die sie Beide seit Tagen immer wieder austauschten. Blicke, die schon kurze Zeit, nachdem sie hier, nach so langer Zeit wieder aufeinander getroffen waren, sich immer wieder für kurze Momente trafen.
Erinnerte sich an den Moment hier im Badehaus. Dem Moment, in dem Zweifel, Angst, Leidenschaft und Zuneigung in ihm ein Wechselspiel der Gefühle ausgelöst hatten. Spürte erneut ihre Haut, ihren Duft, ihre zarte Berührungen, die sie so plötzlich beendete, deutlich verwirrt, verunsichert. Sie war in der Lage gewesen diese Türe zu erreichen. Sie griff danach und sie hatte auch die Macht sie zu öffnen und er schien nicht fähig, es wirklich zu verhindern.
"Liebe niemals! Liebe birgt Schwäche und Schwäche bedeutet den Tod!"
bitter erklangen die stummen Worte in seinem Kopf.
Er fokussierte all sein Denken, konzentrierte sich. Die Worte des Meisters sich immer wieder stumm vorsagend. Die Türe in seinem Innern schlug zu.
Seit dem Tod Dalinas hatte niemand vermocht diese Türe zu öffnen, nicht einmal zu ihr zu finden und nun hatte es ihn immense Kraft gekostet, sie wieder zu verschließen. Er schnaufte hörbar und sein eigenes Atemgeräusch
riss ihn aus dem Moment der Verinnerlichung.
Seine, sich öffnenden Augen blickten nach links. Sahen zu der Stelle, an der im Geiste noch einen Lidschlag zuvor diese Frau weilte.
Langsam beruhigte sich sein Atem, er fand wieder Konzentration und damit Ruhe und realisierte,
dass er allein hier im Wasser saß.
Wieder besuchte sie ihn. Die Kälte, die wohl jeden, der war wie er, zu bestimmten Zeiten erfüllte. Die Kälte des Alleinseins.
Er rief nach einem der Hausangestellten und verlangte heißes Wasser.
Die Kälte, die wieder so deutlich zu spüren war, wollte er vertreiben.
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