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Erinnerungen
"Perfekt"
Das Wort hallte noch in seinem Kopf nach. Das Wort, welches sie mehrfach genutzt hatte bei ihrem kleinen Ausflug.
Er musste sich eingestehen, dass sie Beide wirklich gut harmonierten und der Erfolg ihrer kleinen Unternehmung bestätigte dies nur.
Unwillkürlich musste er lächeln bei der Erinnerung daran. Diese wenigen Stunden und so manche Geste, ein kleines Wort von ihr, ein sanftes Lächeln hatten vermocht ihn ein wenig froh zu stimmen. Sie war aus seiner Heimat, sie war vertraut, wenngleich sie auch durch die Jahre der Trennung fremd anmutete. Doch eine Fremdheit, die nicht schreckte, sondern mehr dazu aufforderte sie zu erforschen.
"Gefühle bedeuten Schwäche! Schwäche macht Verwundbar! Verwundbarkeit bedeutet den Tod!"
hallten plötzlich die Worte seines Lehrmeisters in seinem Schädel.
Er wischte die Gedanken an sie fort.
Wieder lag er in dem Bottich und genoss das heiße Bad. Sein Oberkörper war bedeckt von kleinen Schweißperlen und sein langes, schwarzes Haar hing nass an ihm herab. Die Stimmen einiger Gäste, insbesondere die einiger Herren, die sich mit den Mädchen von Madame Lulu vergnügten, störten ihn nicht weiter. Er gab diesen Geräuschen einfach keine Beachtung, obgleich seine Sinne sich
unbewusst doch jedem der Laute widmeten, um etwas zu hören, dass unstimmig war und Gefahr signalisierte.
"Perfekt"
Wieder klang dies Wort in seinem Kopf.
Unwissend war sie. Unwissend, wie all die Anderen. Ja, seine Tarnung war perfekt. Jeder glaubte, so er ihm begegnete, er habe ein Großmaul vor sich, einen dieser Schurken, die nur große Reden schwingen und für eine Handvoll Gold jemanden unter die Erde brachten.
Er hatte gleich nach seiner Ankunft wieder die Maske angelegt, die in all den Jahren so vortrefflich ihren Nutzen gezeigt hatte.
Ein wenig ärgerte er sich, als ihm sein Fehler ins Bewusstsein zurückkehrte. Dieser Fehler, den er heute Morgen sofort korrigiert hatte.
Sein Schuhabsatz hatte eine Schramme aufgewiesen. Eine Schramme in Form eines kleinen Hakens, wie man ihn auf einer Einkaufsliste setzte.
So etwas Törichtes war ihm lange nicht passiert.
"Deine Ausrüstung muss makellos sein und zweckgebunden!"
erklang die Regel des Lehrmeisters lautlos.
"Ja, Meister!", sprach er leise vor sich hin.
Heute Morgen hatte er dies korrigiert. Sein Schuhwerk ausgetauscht, nachdem er den Auftrag erledigt hatte. Buc's war eine Fundgrube für ihn. Selten hatte er von einem Ort gehört, an dem ein Mann wie er soviel Arbeit fand und nun weilte er an einem solchen. Das sie hier auch tätig war, störte ihn nicht. Es gab genug zu tun und die Einzige Sorge, die er haben
musste, war, dass er stets acht geben musste, nicht selbst Ziel eines ihrer oder eines anderen Auftrags zu werden.
Die schwarze Witwe, wie sein Meister nur genannt wurde, hatte ihn viel gelehrt und doch arbeitete er täglich daran noch besser zu werden.
"Nur der Narr verlässt sich auf erlerntes Können ohne es immer wieder zu hinterfragen!"
Wieder die Stimme in seinem Kopf. Die Stimme jenes unscheinbaren Mannes, den nur wenige wahrgenommen hatten, ohne nach einer solchen Begegnung ihr Leben beendet zu haben.
Unscheinbar.
Er musste Schmunzeln, als er an die Worte seines Meisters zurückdachte.
"Du musst stets etwas vorgeben zu sein, dass nicht verrät, was du wirklich bist!"
Ja, dies hatte er stets beachtet. Nur bei seiner Gestalt war die unauffällige, unscheinbare Auftretensweise seines Meisters nicht in Frage gekommen. Allein seine Körpergröße war dazu denkbar ungeeignet. Und so war er auffällig geworden. Derart Auffällig,
dass es von seinem eigentliches Handeln ablenkte und die Unauffälligkeit brachte, die er brauchte.
Niemand würde in ihm sehen, was er war.
Sicher war diese Auffälligkeit nicht ungefährlich, da er so durchaus mit dem ein oder anderen zusammengeriet, aber bisher vermochte er Nutzen und Schaden daraus sehr gut abzuwiegen und zu meistern.
Ihm fiel diese Frau ein, die die Bankfächer hütete. Er traute ihr nicht und stets überprüfte er den Inhalt seiner kleinen Truhe, wenn er zu ihr ging, so wie heute morgen, als er den Lohn für die Nacht dort hingebracht hatte.
Dieser Auftrag war unkompliziert und ohne Zwischenfälle verlaufen. Sein Opfer war schnell gestorben. Ein
Schuss hatte seinem Dasein ein Ende gesetzt, als er gerade mit dem Rücken zum Fenster beim Abendbrot gesessen hatte. Schnell und ohne Qual war er gestorben. Der Bolzen war zielsicher in den Nacken eingedrungen und hatte ihn vornüber kippen lassen.
Das Zeichen der stilisierten Spinne, schwarz eingefärbt, zierte den Bolzen. Das Zeichen seines inzwischen verstorbenen Meisters.
Die schwarze Witwe.
Eine Spinnenart, deren Biss tödlich war und die so würdig war, Symbol für einen wie ihn zu sein. Das er dieses Zeichen nutze war seine Art, seinem Meister zu gedenken und ihm Ehre zu erweisen und darüber hinaus war es seine Empfehlung, sein Beweis,
dass er den Auftrag erledigt hatte.
Inzwischen hatte sich dies Zeichen herumgesprochen und brachte ihm so auch weitere Aufträge. Über dunkle Kanäle erreichten ihn seine Auftraggeber. Schurken, die sein Antlitz nie sahen, nur seinen Schatten. Kaum ein Wort wurde gewechselt, nur ein Papier überreicht oder ein Beutel mit seinem Lohn. Seine Kontaktleute, die ihn selbst nicht kannten, nie sein, von einer schwarzen Maske verborgenes Gesicht sahen, bekamen ihren Anteil und wagten nicht ihn zu betrügen. Nicht, seit der, der es versucht hatte mit einem Bolzen im Nacken im Hafenbecken gefunden worden war.
Unzufriedenheit, ein Anflug von Wut über sich selbst erfüllte ihn.
Seine Auftraggeber zahlten stets nach vollendeter Arbeit. Dies war sein Grundsatz. Er nahm keinen Lohn für etwas,
dass er nicht erbracht hatte. Und zwei seiner Opfer hatten unvorhersehbare Umstände gerettet.
Diesen Ritter, dass dieser gerade in dem Moment da er schoss, aufsprang, weil seine Frau in die Schenke getreten war und eine verdammte Windböe, die den
Schuss auf diesen Triaten abgelenkt hatte, so dass er mit einer Verwundung davonkam.
Beide male hatte er schnell verschwinden müssen, keine direkte Gelegenheit gehabt, dies zu korrigieren. Besonders ärgerlich war,
dass die Opfer dadurch gewarnt waren. Er musste sich also etwas ausdenken.
Es war ein Nachteil solche Aufträge anzunehmen. Diese Personen waren geübte Kämpfer, hatten andere Kämpfer um sich. Man kam schwer an sie heran und es war ein höheres Risiko.
Vielleicht sollte er sich besser anderer Kundschaft zuwenden.
Er hatte bei dem Auftrag keine Zeitvorgabe. Wenigstens ein Vorteil.
Die Summe für die Männer auf seiner Liste war verlockend, doch das Gold durfte kein Antrieb sein.
"Gier ist eine Schwäche! Schwäche bedeutet den Tod!"
die Lehren des Meisters waren wie eingebrannt in ihm.
Er schloss die Augen, genoss das Bad. Suchte so wieder die innere Ruhe.
"Deine Gefühle lähmen! Sie rauben deinen Sinnen die Schärfe!"
rief er sich die Worte des Meisters in Erinnerung.
Einmal hatte er diese Worte missachtet. Seinen Gefühlen für eine Frau nachgegeben. Sie war nun Tod und er nur knapp entkommen. Gestorben durch seine Hand, eine schnelle Drehung ihres Kopfes, bis dieses Knacken erklang und ihr Körper erschlaffte.
Bis heute hatte er dies nicht verwunden und er spürte, kaum, dass er sich der Erinnerung hingab, wieder den eisigen Griff nach seinem Herzen. Spürte den Schmerz, der ebenso stark war, wie damals, in dem Moment, da er ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte.
Er hatte ihr vertraut. Zu sehr vertraut und doch hatte er es kaum fertig gebracht, sie zu töten.
"Töte niemals was du liebst! Liebe niemals! Liebe birgt Schwäche und Schwäche bedeutet den Tod!"
bitter erklangen die stummen Worte in seinem Kopf.
In ihm war jedoch die Erkenntnis, dass er nie ein solcher Meister werden würde, wie es der seine gewesen war. Denn er hatte sich verliebt und die Angst war groß, daß es ihm wieder geschehen könnte.
Der Gefährtin aus jungen Tagen, die er überraschend hier traf, hatte er etwas von einem Sohn eines reichen Pinkels erzählt, den er getötet hatte und so hatte fliehen müssen. Sie hatte es geglaubt und er hatte ihre lästige Frage so beantwortet.
Und nun war noch jemand aufgetaucht aus alten Tagen. Ihr tot geglaubter Bruder und er hatte ihr versprochen, ihn sich anzusehen.
Dieser Ort war nicht nur eine Fundgrube, er mochte auch ungeahnte Probleme bringen.
Er rief nach einem der Hausangestellten und verlangte heißes Wasser.
Die Kälte, die wieder so deutlich zu spüren war, wollte er vertreiben.
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