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Tod im Morgengrauen
(Autor: PO Celysis)
Die schwülwarme Hitze ließ ihr die Lederkleidung auf der dunklen Haut festkleben und sie wusste, sie würde innerhalb weniger Stunden ein erneutes Bad brauchen, um den Eindruck feuchten
Schweißes loszuwerden, den sie verabscheute. Und außerdem war es für sie wichtig, keinerlei strenge körperliche Ausdünstungen zu hinterlassen, war es doch das oberste Ziel aller Assassini, unauffällig und vor allem leise zu agiren. Würde sie ein Profil hinterlassen, irgend etwas, an dem man sie ohne Probleme verfolgen konnte, war ihre Integrität nicht mehr gewahrt.
Der heutige Auftrag gefiel ihr nicht und sie wusste genau, dass sie ihn nur ungern ausführen würde. Dieses mal musste sie nicht nur ein Leben allein auslöschen, nein, diesmal waren es drei, darunter zwei Kinder. Kurz kam ihr das junge Mädchen von gestern abend ins Gedächtnis, wohl die Tochter des McTaron, der immer nur allzu bereit war,
große Sprüche zu klopfen, wie alle Männer auf Buc's Den. Sie hatte geweint, war vollkommen unglücklich gewesen, als ihr Vater ihr eröffnet hatte, dass ihre Mutter nicht mehr zurückkommen würde ... wie konnte ein Vater sein Kind nur vor die vollendeten Tatsachen stellen und vor den Augen seiner Tochter mit einer anderen poussieren?
Solche Männer, so reich sie auch sein mochten, so einflussgebietend und wichtig für die Gesellschaft - solche Männer verachtete sie. Wenn man schon eine Familie hatte, eine Tochter, für die man verantwortlich war, dann durfte man sich nicht um diese Verantwortung drücken. Das Mädchen war unglücklich gewesen ... und fast fühlte sie sich an ihre Vergangenheit erinnert, die
heißen Strassen von Trinsic, einer Stadt, in der die Sonne wesentlich mehr brannte als hier, in der die Nächte kochend
heiß waren, weil sich die Steinmauern tagsüber mit Sonnenlicht aufheizten, welches sie in der Nacht abgaben ...
Gefroren hatten sie niemals in dieser Stadt, aber Kälte war auch die geringste Sorge der
Straßenkinder gewesen, viel wichtiger war es, zu überleben ...
Nachdenklich richtete sie das Gift zusammen, welches sie der Familie später unter ihr Essen mischen würde. Den Familienvater und die zwei Söhne würde sie töten, so lautete ihr Auftrag, nicht aber die Mutter, welche
außergewöhnlich schön war. Sie hatte das Gesicht ihres Auftraggebers nicht vergessen, ein feister, schmieriger alter Mann, dessen Gelüste nur zu
offenkundig waren. Auch sie selbst hatte er verlangend angeschaut, aber mit einem Griff auf einen ihrer Wurfdolche hatte sie ihn schnell davon überzeugt, dass ihre Person und auch ihr Körper kein weiteres Interesse bedurften.
Sie kleidete sich mit der Sorgfalt an, die sie jedes Mal walten ließ. Schwarze Lederhosen, weich und gut getragen, sodass sie keinen Laut machen würden, wenn sie sich im Dunkeln bewegen musste. Lederschuhe, deren Sohlen ebenfalls sehr weich waren,
unabdingbar für leise Schritte auf Parkett oder Steinboden. Dann die Handschuhe, oft benutzt und absolut enganliegend, um ihr die Feinmotorik nicht zu erschweren, eine Haube, welche ihre Gesichtszüge und das darunter zu einem festen Zopf gebundene lange Haar verdeckte - die enganliegende schwarze Lederrüstung für den Ernstfall verstand sich von selbst.
Mit den oft geübten Griffen überprüfte sie den Sitz ihrer Waffen, der versteckten Dolche, des seidenen Fadens, zwei der unzerbrechlichen und durch Magie gesicherten Fläschchen mit Gift, das schmale Kryss für den Notfall, welches in seiner dunklen Scheide an ihrem Schenkel ruhte. Aber eigentlich brauchte sie keine Waffen, um zu töten.
Sie war bereit, überprüfte sich selbst nochmals auf irgendwelche auffällige Gerüche und trat aus ihrem Versteck heraus. Dieses wechselte sie oft genug, damit keine auffällige
Regelmäßigkeit entstand, ganz wie es sie ihr Meister, der Schatten von Trinsic, gelehrt hatte. Es war eine harte Schule voller Schmerz gewesen, aber sie hatte sie überlebt, gar gemeistert ... alles war besser als ein Leben auf der Strasse, alles.
Diese Worte hämmerten in ihrem Hinterkopf, als sie an Leron dachte. Sie hatten früher derselben Bande angehört, waren zusammen auf Beutezug gegangen und als sie heranwuchsen, hatte sich dieses freundschaftliche, fast neutrale Verhältnis in eine Richtung entwickelt, die ihr fremd und seltsam erschienen war. Heute betrachtete sie alles aus anderen Augen, als sie die vielfältigen Spiele zwischen Mann und Frau bis zur Perfektion erlernt hatte. Ein wenig langweilig waren die ungeschickten Versuche der Männer hier schon, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, wusste sie doch
jedes Mal fast im Voraus, was der andere sagen oder tun würde, denn ihr Lehrer hatte dieses Wissen in sie eingeprügelt, bis sie es verinnerlicht hatte und jede ihrer Bewegungen darauf abgestimmt war. Eigentlich musste sie nicht einmal mehr nachdenken, wenn sie in irgendeiner Weise mit anderen interagierte, so tief waren alle dieser unendlich schmerzhaften Lektionen in ihr Innerstes eingebrannt ... vielleicht war auch dies ein Grund, warum sie lieber allein lebte, sich keinem anvertraute, nicht einmal Leron, dessen erste Jahre genauso entbehrungsreich wie ihre gewesen waren.
Gestern hatte sie jemanden getroffen, der alles in Frage gestellt hatte, an das sie die letzten Jahre geglaubt hatte. Ein Mann, der eine ähnliche Ausbildung wie sie durchlaufen haben musste, denn seine Reaktionen konnten unmöglich von allein so schnell geworden sein ... ein Mann, der ein Gesicht trug, welches sie vor vielen Jahren das letzte Mal gesehen hatte, den sie immer für tot gehalten hatte. Wenn er wirklich ihr Bruder sein sollte, dann würde das vieles ändern ... ihren Weg war sie anfangs gegangen, um sich an den vermeintlichen Mördern aus der Stadtwache zu rächen, aber später war aus dieser Rache der innere Zwang geworden, eine gewisse Ordnung zu schaffen, und wenn man sie schon selbst nicht zu schaffen vermochte, dann sie zumindest in wenigen Dingen einzuhalten.
Die Regeln der Assassini waren streng und hart, geschworen hatte sie nicht nur, niemals Kinder zu haben, um sich nicht
angreifbar zu machen, sondern auch, keine Fragen zu stellen, von wem welcher Auftrag kam und warum sie diesen oder jenen töten sollte.
Die Assassini waren neutral und deswegen wurden sie von allen Seiten engagiert, wenn es darum ging, einen Tod zu beschleunigen. Um diese Neutralität zu garantieren, waren alle Assassini gezwungen, nach harten Regeln zu leben und diese auch ihren Schülern zu lehren, die Tradition fortsetzen bis in alle Ewigkeit, bis man eines Tages vielleicht keine bezahlten, neutralen Mörder mehr brauchen würde.
Sie war zum Schatten von Buccaneer's Den geworden, wie ihr Meister der Schatten von Trinsic gewesen war, bis er eines Tages unter der
sengenden Sonne des Südens mit einem Lächeln seinen Tod begrüßt hatte.
Automatisch schlich sie leise durch das hohe Gras nahe der einfachen Hütte, aus welcher das leise Lachen der Kinder drang, das sich mit der tieferen, warmen Stimme eines Mannes verband, der seinen Söhnen wohl gerade eine lustige Gutenachtgeschichte erzählte. Gutenachtgeschichten ... dieser dunkelhäutige Mann mit dem traurigen Blick, der ihr nun schon mehrere Male begegnet war, hatte auch Gutenachtgeschichten gelesen, für seine Tochter, wie er gesagt hatte. War es tatsächlich so, veränderte es einen Menschen wirklich so sehr, wenn er Kinder hatte? Langsam bewegte sie sich zum Fenster der Hütte und spähte die Idylle zweier zusammengedrängter Jungen, die im Arm ihres Vaters lagen, aus. Die Kehle wurde ihr trocken, als sie die drei beobachtete, ein liebevoller Vater, welcher sich um seine Söhne wirklich kümmerte, deren Leben nun allein in ihren Händen lag. Die Mutter trat hinzu, eine der blassen Schönheiten, wie man sie in diesen Bereichen sehr oft anzutreffen vermochte, keine Frau nach ihrem Geschmack, aber zweifellos sehr schön und voller Anmut, genau das, was einen übersättigten Lüstling anziehen würde, der sein Leben lang mehr die üppigen, billigeren Frauen von Buc's gekostet hatte.
Hart biss sie sich auf ihre Lippen, bis das Blut deutlich zu schmecken war. Immer hatte sie sich eine Familie wie diese gewünscht, eine Familie, in der man noch miteinander statt nebeneinander lebte, in der die Einheit nicht nur durch den gemeinsam geteilten Nachnamen bestand, sondern durch innere Ruhe und Geborgenheit. Das alles sollte sie nun zerstören, nur weil ein alter, geiler Bock sein Genital nicht bei sich behalten konnte? Sollte sie wirklich alle Regeln missachten, die sie immer wieder hatte schreiben und sprechen müssen, bei denen sie für Fehler nicht nur einfache Schläge mit der Hand erhalten hatte?
Ein einziges Mal ... nur ein einziges Mal wollte sie einem Mann wie diesem als Kind vertrauensvoll lauschen können, sich
gehen lassen, ohne genommen zu werden, sich verlieren können, ohne verloren zu sein ...
Mit entschlossener Miene wandte sie sich ab, das Familienglück hinter sich lassend. Fest umklammerten ihre Finger das Fläschchen mit Gift, welches für die Drei bestimmt gewesen war. Kein unschuldiges Kind sollte mehr unter einem reichen Lüstling leiden müssen ...
Immer wieder hallte es in ihrem Kopf nach, in ihrem Herzen, das, was sie zu dem Südländer mit dem Gutnachtgeschichten-Buch gesagt hatte ...
"Ich werde nie einen Mann haben ..."
Vielleicht das nicht, aber zumindest würde sie nicht dieselben Gräuel begehen wie die Stadtwachen und die Reichen in Trinsic. Jetzt war sie ein Schatten, einer der vielleicht besten unter der
heißen Sonne des Südens. Und sie würde keine Leben nehmen, die nicht zumindest selbst etwas verschuldet hatten, kein Kind sollte unter ihren Händen dahinwelken müssen ...
Der feiste, alte Mann starb schnell an dem Gift, welches er hatte anderen zukommen lassen wollen, hatte er doch nicht erwartet, dass die Assassinin mit dem betörend weichen Lächeln nicht den Tod über andere gebracht hatte, sondern nun über ihn brachte. Als sie alle Spuren verwischt hatte, legte sie das von ihm erhaltene Gold in seinen Goldkasten zurück und blickt ein letztes Mal auf den aufgeschwemmten Körper hernieder. Niemand würde vermuten, dass es Gift gewesen war, bei diesen Fleischmassen war die Erklärung eines schwachen Herzens nur zu schnell gefunden ...
Die Haussklavin schenkte ihr ein Lächeln, als sie das Anwesen des Toten
verließ. Man würde ihn nicht vermissen und sein Fehlen wäre für die Damen in Buc's sicher mehr ein Gewinn als ein Verlust.
Vielleicht würde nun jemand kommen und sie strafen ... doch ... ein unbezahlter
Auftrag war so gut wie keiner und sie war sorgfältig gewesen ...
Lange noch hatte sie am nächsten Morgen auf einem Baum in der Nähe des kleinen Häuschens der Familie gesessen und der Mutter zugesehen, wie sie mit ihren Söhnen geduldig die schweren Zeichen des Alphabets übte ...
Die Regeln waren verletzt worden und doch wusste sie, dass sie das Richtige getan hatte. Yaháne würde sie holen, wenn es an der Zeit war und dann konnte sie zumindest einen einzigen Tod rechtfertigen.
Vielleicht war es das erste Mal, dass sie in Buc's ruhig schlafen konnte ... verborgen im Wald, in der Einsamkeit und Stille der Urwaldriesen. Etwas hatte sich für sie verändert, doch wusste sie noch nicht genau, was es war.
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