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Onkels Geburtstagsfeier

Hoch oben verschwand die Decke der Halle im Halbdunkel, gerade noch zu erahnen.
Schwere Säulen trugen die einmalige Konstruktion, wie sie nur die Zwerge schufen. Die Fackeln und Feuerkörbe spendeten warmes, zuckendes Licht, das bizarre Schatten auf die steinernen Wände warf. Keine Fuge klaffte und die polierten Granitplatten des Bodens spiegelten zigfach die Lichter wieder.

Ausgelassene Stimmung herrschte in der Halle. Reihen von Tischen und Bänken waren aufgebaut und eine Schar von Zwergen saß beisammen. Reichhaltig waren die Tafeln beladen. Schweinerippen in Biersauce, Zwergenscharf und kantiges, gewürztes Brot, Früchte und andere Leckereien füllten die Tische. Jeder Anwesende hielt einen Humpen in Händen oder hatte einen solchen vor sich stehen und einige Jungzwerge waren einzig damit beschäftigt, genau darauf zu achten, dass keines der Trinkgefäße länger als einen Atemzug leer blieb. Schwere Kannen trugen sie hierfür, die sie zuvor in einem der zahlreichen Keller an den Fässern mit dem dunklen Starkbier befüllt hatten.

An einem der Tische erhob sich die Stimme eines ergrauten Zwergen, der fröhlich eine Begebenheit aus früheren Tagen zum Besten gab und als er das Gesicht seines damaligen, elfischen Begleiters eindrucksvoll beschrieb, brüllte der ganze Tisch vor Lachen.
Kurz und knapp, es war ein Fest, wie es die Zwerge mochten. Genug zu Essen, noch mehr zu Trinken und ein geselliges Beieinander. Da war es völlig gleich, ob jeder der Anwesenden wusste, was hier eigentlich gefeiert wurde, wenngleich es der Unwissenden nur Wenige gab.

Hogel saß bei Gromgol, seinem Oheim. Der Bruder seines Vaters war einer der Geoden des Zwergenvolkes, ein Priester des Moradin diente, dem Seelenschmied. Hogel stach etwas heraus aus der Masse der Anwesenden, denn er war wohl der einzige Zwerg, der nicht zufrieden dreinschaute. Das lag weniger an denen, die ihn umgaben, sondern eher an dem, den er noch erwartete. Gedankenverloren trank er seinen Humpen leer und hielt ihn kurz darauf dem Jungzwergen hin, der aufmerksam seine Arbeit verrichtete, näher trat und sogleich nachgoss.

„Mach nicht so ein Gesicht, Hogel! Da wird mir ja das Bier schal, wenn man dich so ansieht“, erklang die rauchige Stimme Gromgols.
Hogel verzog nur das Gesicht, was bei seinem mächtigen Bart, der ihn wild und breit zierte, gar nicht so einfach zu erkennen war.
„Du weißt genau, Onkel, warum ich so schaue. Es wird kommen, wie es immer kommt“
„Rogel ist älter geworden, wie wir alle und auch ruhiger. Er hat seine Lektionen gelernt. Ich bin sicher, du wirst überrascht sein“, schmunzelte Gromgol.
„Hmmm“, kam es irgendwo aus dem Bart Hogels hervor. So wirklich mochte er dem Onkel nicht glauben, doch offen widersprechen wollte er auch nicht. Er liebte den Alten, auch wenn er dies nie so offen ausgesprochen hätte und wünschte sich, dieser würde diesmal Recht behalten.

Diese Zusammentreffen mied Hogel in der Regel, doch noch nie hatte er eine der Geburtstagsfeiern seines Oheims verpasst. Einzig düstere Wolke am Himmel dabei war sein Bruder Rogel. Bisher war es immer zu Streitigkeiten gekommen, wenn die Beiden aufeinander trafen. Zu unterschiedlich waren sie und zu verschieden ihre Wege, die sie gingen. Rogel, ein Krieger, der gemessen an seinem Alter und seinen bisherigen taten einen guten Ruf und ein gewisses Ansehen genoss und dem entgegen Hogel, Jäger und oft allein unterwegs irgendwo da draußen in den kalten Wäldern und rauen Gebirgszügen. Von Rogel gab es einige Geschichten, von denen er ein oder zwei auch hier und heute gehört hatte. Von Hogel hingegen erzählte man keine, denn niemand hier wusste von solchen.

Es störte ihn nicht, denn er selbst erzählte nur selten von den Wochen und Monaten in der Wildnis. Erlebt hatte er einiges, doch ihm fehlte das Bedürfnis davon zu berichten. Ihn ärgerte es auch nicht, dass Rogel vielen hier bekannt war und sie mitunter stolz davon kündeten, ihn zu kennen. Ihn erfüllte auch Stolz, wenn man von seinem Bruder sprach.

Ärgerlich an all dem war sein Bruder selbst, wenn er auftauchte und ihn, Hogel, nur zu gern spüren ließ, wer der Bekanntere von ihnen beiden war. Rogel hatte sich offenbar nie damit anfreunden können, dass Hogel ein anderes Leben führte. Gern trampelte er mit Worten darauf herum, versuchte ihn bloßzustellen oder vorzuführen. Er hasste das wie nichts anderes. Sein jüngerer Bruder war ihm wert und teuer, doch am liebsten hörte er nur von ihm statt ihn zu sehen. Er erinnerte sich nicht einmal mehr daran, wann sie beide länger zusammen gewesen waren als einen Tag. Allein eine Stunde mit Rogel konnte ewig anmuten. Zumindest soweit es ihn betraf.

Hogel war der Ältere und die Tradition hätte ein respektvolles Verhalten Rogels gefordert, doch der jüngere der beiden Brüder, der sonst sehr lautstark alte Werte und Traditionen hochhielt, machte bei ihm nur zu deutlich eine Ausnahme.
Die buschigen Augenbrauen Hogels lagen schwer über den Augen. Sein Bruder würde sicher bald auf Gromgols Feier erscheinen. Ein Seufzer kam irgendwo aus seinem Bart hervor und er griff zum Humpen, um ein paar kräftige Schlucke daraus zu nehmen.

„Mahal und kein Wort über meine Beinkleider!“, dröhnte da fröhlich eine schon oft gehörte Begrüßungsformel vom Eingang her.
Hogel trank den Humpen entgegen seiner ursprünglichen Absicht in einem Zug leer.

Die Köpfe der Anwesenden wendeten sich dem Neuankömmling zu, doch niemand erwähnte bei seiner Grußerwiderung auch nur mit einem Wort Rogels Beinkleider. Jeder hier wusste nur zu gut, was daraus erwachsen konnte und nicht Wenige mühten sich gar besonders darum, nicht einmal einen Blick auf diese Hosen fallen zu lassen. Die Kettenhosen Rogels waren fliederfarben, doch niemand hier würde ein Wort darüber fallen lassen. Die besagten Hosen waren ein Geschenk Gromgols an Rogel gewesen und wie jeder wusste, hatte der Alte kranke Augen, die ihn die Farben nicht mehr richtig erkennen ließen. Rogel trug sie mit Stolz, gleichwohl sicherlich auch er mit der Färbung der Metallhosen unglücklich war. Das Geschenk seines Oheims aber war in Ehren zu halten.

Gromgol, der inzwischen ja wusste. Welche Farbgebung sein Geschenk hatte und Rogel mehr als einmal sagte, er solle doch die Hosen wechseln oder eine andere als Geschenk annehmen, hatte auch keinen Erfolg. Die zwergische Sturheit war für seinen Neffen erfunden worden.
Rogel trug diese Hosen seither und wer immer darüber lachte, Scherze machte oder einen dümmlichen Spruch zum Besten gab, riskierte mindestens die Gesundheit seiner Nase.

Mit ausladenden Schritten kam Rogel näher und nahm neben Gromgol Platz. Einer der Jungzwerge eilte sofort herbei und füllte den Humpen mit Dunkelbier.
„Auf dich, Onkel! Möge Moradin dich schützen!“, prostete Rogel für alle hörbar Gromgol zu, den Humpen hoch erhoben.
„Auf Gromgol! Möge Moradin ihn schützen!“, antwortete der Chor aller Anwesenden und der Inhalt mindestens eines Fasses Dunkelbier schwebte verteilt in all den hocherhobenen Humpen in der Halle.
Der Alte lächelte gerührt und erwiderte die Geste.
„Ich danke euch, meine Freunde! Moradin sei auch mit euch!“
Alles trank und dies war einer der wenigen Momente, in denen es andächtig still war am Ort der Feierlichkeiten. Im Verlauf dieser kurzen Stille trafen sich die Blicke von Rogel und Hogel und Letzterem war so als würde er nicht nur das Knistern der Fackeln hören.


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Fortsetzung folgt

 

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