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Neue Wege - 7. Teil
Morod war durchaus als
kreativer Geist zu bezeichnen. Nicht, dass er überdurchschnittliche
Qualitäten als Zauberer aufgewiesen hätte, nein, aber er verfügte über
nennenswerte Auswüchse von Einfallsreichtum. Sein Hang zu gründlichem
Nachdenken und einer gewissen Form der Experimentierfreudigkeit brachten
immer wieder Neues in sein Leben.
Nun, um näher bei der Wahrheit zu bleiben, es brachte auch nicht selten
Neues in anderer Leute Leben.
An anderer Stelle war bereits erwähnt, dass Morod mit sich und seinem
Schicksal hadernd auf dem Bette lag und über Wege des praktischen
Nutzens arkanen Wirkens nachdachte.
Ebenso war bereits davon berichtet worden, dass seine ihm eigene
Genialität nahe an der Lösung seines Problems war und nur noch
unwichtige, zeitliche Barrieren den notwendigen Einfall vom Einzug in
Morods Kopf abhielten.
Eben jenes zeitliche Hindernis aber, wurde in diesem Augenblick von
Morods Geist niedergerungen und lud den bereits ungeduldig wartenden
Geistesblitz ein, niederzufahren und Erleuchtung mit sich zu führen.
„Verruchte Narretei! Warum fiel mir das nicht früher ein!“, sprang
er nun erleuchtet vom Bett auf und eilte zum Schreibtisch hinüber.
Der Blick fiel auf all die Utensilien und die gefurchte Stirn
signalisierte höchste Konzentration. Spätestens hier wäre jedem, der
Morod näher kannte, eingefallen, dass er noch Wäsche zu waschen, einen
Kaffeepott vom Feuer oder aber dringende Einkäufe zu erledigen hätte.
Das Schicksal jedoch meinte es gut mit all jenen, die Morod kannten (es
waren derer übrigens nur wenige), denn niemand weilte zu dieser Zeit in
seinen Räumlichkeiten im Konvent.
Eine kurze Zeitspanne war erst vergangen als Morod seinen Federkiel und
sein Tintenfass in näheren Augenschein nahm. Während er deren Struktur
und Form genau erfasste, besann er sich auf ein Buch, welches er gelesen
hatte, dass sich mit der Belebung nicht belebter Materie befasste.
Es musste doch möglich sein, jene die Hand so anstrengende Tätigkeit
des Schreibens mittels arkanen Wirkens in weit entspanntere Arbeit zu
verwandeln. Vor seinem geistigen Auge entwickelte sich das Bild einer
dahingleitenden Feder, die auf Zuruf die Worte zu Papier brachte, während
der Zurufer selbst entspannt anderen Dingen nachging.
Dies Bild übte solch eine Faszination auf Morod aus, dass er voller
Begeisterung in den Winkeln seines Denkens die Passagen des bereits erwähnten,
wie auch von ihm studierten Buches heraufbeschwor.
„Rel leitet die Veränderung ein...hmmm..ja...so war das“, sinnierte
er angestrengt und halblaut vor sich hin.
Es bleibt hier unerwähnt, welche Worte der Macht dem Adeptus im Kopfe
umherspukten, da das Ergebnis jener genialen Aneinanderreihung ohnehin
nicht mehr lange auf sich warten ließ.
Morod war, wie bereits angedeutet ein recht pragmatischer Zeitgenosse
und experimentierfreudig. Die von ihm ersinnte Formel folgte dieser, ihm
eigenen Gesetzmäßigkeit.
„Demnach müsste Rel Ort Uus Mani, also die Veränderung von magischer
Energie in erhöhte Lebensenergie (warum nicht die zu beschwörende
Lebensenergie gleich verstärken, um die Effizienz zu steigern) die
Feder als auch das Tintenfass mit Eigenleben ausstatten und....“, sein
Intellekt arbeitete wirklich auf Hochtouren, „dann mittels eines Ort
Ex Por, folglich durch magische Energie gestattete Freiheit der
Bewegung, das Schreiben der Feder einleiten.
Nun, der versierte Zauberer wird sicher auf Anhieb die Fehler in Morods
genialem Einfall erkennen. Zweifelsohne hätte der geübte Magus auf
eine Komponente wie Uus verzichtet, da jene Verstärkung in Anbetracht
der doch recht harmlos wirkenden Schreibfeder völlig übertrieben
anmutete, ebenso, wie der Notwendigkeit einer gewissen zu
kontrollierenden, eingehauchten Intelligenz mittels dem Worte Wis,
sprich der Ermöglichung der Kommunikationsfähigkeit des
Schreibutensils mit dem Zauberer, Rechnung getragen.
Vielleicht wäre auch ein Des Por Grav überlegenswert gewesen, um die
eingehauchte Bewegungsfreiheit in gewissen Grenzen zu halten. Dies mag
jedoch an dieser Stelle einmal außer Acht bleiben, wie auch die Frage,
weshalb der Adeptus überhaupt die Belebung des Tintenfasses erwog, da
doch die Schreibfeder letztlich die Arbeit verrichten sollte. Vielleicht
war es ja nur der Umstand, dass die Schreibfeder in besagtem Tintenfass
steckte, die ihn solch Beschluss fassen ließ.
Morod selbst musste jedenfalls noch einige Momente auf all diese
Erkenntnis seiner Irrtümer warten, wenngleich er in diesem Augenblick
natürlich nichts dergleichen erwartete, sondern vielmehr bereits die
fleißig vor sich hinarbeitende Feder herbeisehnte.
Es kam wie zu erwarten. Morod straffte seine Gestalt und atmete, zur
Vorbereitung einer einwandfreien Intonation der Formeln, tief ein. Sein
Blick ruhte einer Schlange vor dem Kaninchen gleich auf der im
Tintenfass steckenden Schreibfeder.
Es erklangen also die Worte der Macht aus seinem Munde. Anerkennenswert
sonor betont, während sein Finger, um die Theatralik des Vorgangs trotz
mangelnder Zuschauer zu untermalen, gebieterisch auf eben jene, bis zu
diesem Moment im Tintenfass unschuldig ruhende Schreibfeder deutete.
„Rel Ort Uus Mani!“, dicht gefolgt von einem, „Ort Ex Por!“
In gewisser Weise, so sei vorweggenommen, hatte Morods arkanes Wirken
durchaus Erfolg. Schreibfeder, wie auch besagtes Tintenfass wurden dank
der genauen Fokussierung des Adeptus tatsächlich der magischen Energie
ausgesetzt. Ebenso die Tinte im Tintenfass.
Die genauen Abläufe im Zimmer Morods sind schwer in Worte zu fassen.
Wahrscheinlich lässt sich dies auch alles nicht mehr wirklich
rekonstruieren. Ein Wink des Schicksals, man muss tatsächlich annehmen,
dass das Schicksal ein gewisses Wohlwollen gegenüber Morod empfand,
sorgte dafür, dass einer der Magi des Konvents die Hilfeschreie aus den
Räumlichkeiten des Adeptus hörte und herbeieilte.
Angetrieben von den Schreien, die wahrhafte Not und Bedrängnis
vermittelten, drang besagter Magus in Morods Zimmer ein. Nachdem er
seine erste Überraschung überwunden, die Situation einer auf den
Adeptus einstechenden Schreibfeder, eines wild umherspringenden
Tintenfasses und zahlreicher belebter Tintenflecke erfasst hatte,
beendete er den arkan heraufbeschworenen Spuk mit einigen wohl bedachten
und gut gezielten An Ort’s, um sich dann davon zu überzeugen, ob der
von Tinte überströmte und wie nach dem Angriff einiger älterer Damen
mit Stricknadeln drangsalierte Morod wohlauf war.
Recht schnell war klar, dass dieser noch lebte und einzig einer
ordentlichen Standpauke über dümmliche Fuscherei mit arkanen Mächten
bedurfte, nebst einiger zu verhängender, den Geist disziplinierenden Säuberungs-
und Aufräumarbeiten in der Bibliothek, dem Laboratorium und den
privaten Räumlichkeiten des Retters.
Ebenso schnell war auch Morod selbst klar, dass etwas gehörig falsch
verlaufen war und sein genialer Einfall dringender Nachbesserungen
bedurfte.
„Verruchte Narretei“, erklang es noch mehrfach an diesem und am nächsten
Tage als er mit Schürze, Schwamm und Seifenlauge bewaffnet, in diversen
Räumlichkeiten Staub und Schmutz zu Leibe rückte. Ganz zu schweigen
von Morods eigenem Zimmer, dass dank der kreativ veranlagten, einst
belebten Tinte ein völlig neues Ambiente verströmte.
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