< Rückwärts          Zurück          Vorwärts >

Neue Wege - 6. Teil

Morod war wieder einmal in einer der immer wiederkehrenden Phasen seines Lebens, die durch ein jahrelang geübtes und perfektioniertes Selbstmitleid, kombiniert mit zermürbender Unzufriedenheit geprägt waren.
Mit mürrischem Gesichtsausdruck saß er am Mörser im Labor des Konvents und hin und wieder gesellte sich ein hingebungsvoll dargebrachtes Brummen zum monotonen Reibgeräusch. Oh, wie er diese niederen Arbeiten hasste und wie sehr er doch all jene verfluchte, die für jede kleine Gefälligkeit, wie ein neues Hemd, ein paar Ingredienzien nach Gold gierten und ihn so an diesen Ort zwangen. Ganz zu schweigen von der Abartigkeit göttlichen Denkens, die Zauberei nur dadurch möglich machte, dass man Paraphenalia vor ihrer Verwendung zerreiben, stampfen, kochen oder vermischen wurde. Was sprach denn dagegen eine Knoblauchknolle in die Luft zu werfen, ein paar Worte zu murmeln und so einen Heilzauber zu wirken.
Nach reiflichem Überlegen gestand er einzig ein, dass es einem Mann wie ihm wohl schlecht stünde, wenn aus jeder seiner zahlreichen Taschen ein anderes Gewächs heraushing, wie beispielsweise ein Strang mit Knoblauchknollen. Dennoch, war es eine Folter seines Intellekts, hier sitzen zu müssen und aus vertränten Augen diese Knollen zu zerreiben.
Magie, so träumte er vor sich hin, musste doch einfach weit praktischer und dienlicher im Leben zu verwenden sein und dabei eine gewisse Würde seiner Selbst bewahren.
Der Feuerball hatte deutlich gezeigt, dass Magie gegen Räuber ein durchaus adäquates Hilfsmittel war. Morod sprach, was diese Begebenheit anging, stets nur von seinem Sieg über zwei Räuber und verdrängte die Tatsache, dass eben jene Räuber nur zwei Ratten gewesen waren. Ebenso, wie er völlig verdrängte, dass jene glorreiche Tat seines arkanen Wirkens den teuren Neukauf eines Stuhls, eines Tisches und neuer Gerätschaften nach sich zog, die in Folge jener arkanen Genialität seines Person in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Auch sein kläglicher Versuch einer Beschwörung, bei dem er den nicht ganz unwichtigen Aspekt der Schutzzauber vergaß und dies in Form eines schmerzenden Fingers alsbald bemerkte.
Morod verbuchte solche Dinge recht leicht und schnell als nicht weiter nennenswerte Umstände wahrer Begebenheiten innerhalb seiner geistigen Buchführung arkaner Erlebnisse. All das änderte ohnehin nichts an seinem eigentlichen Ziel. Magie musste dem dienen, der sie wirkte und so das Leben erleichtern.
Bisher jedoch, so bemerkte er neben der Tatsache, dass er den Mörser schief hielt und ihm so der gesamte Sud auf den Kittel tropfte, was einen weiteren Fleck neben zahlreichen anderen zur Folge hatte und zudem einen intensiven, lang anhaltenden Duft neben vielen anderen Gerüchen vorangegangener, ähnlicher Missgeschicke des Kittels garantierte, waren seine Bemühungen um jenes Ziel durch einige Rückschläge nicht sonderlich weit gediehen.
Fleck, Geruch und Erkenntnis entlockten ihm kommentierende Laute, wie er sie in solchen Situationen stets zu nutzen pflegte.
„Verruchte Narretei!“
Er beschloss, seine Frondienste an wahrer Wissenschaft auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen und machte sich auf in seine Räumlichkeiten. Natürlich erst, nachdem er die Schweinerei um sch herum beseitigt hatte, was ihn etwa ein halbes Stundenglas zeit kostete. Der Magus, der diese Räumlichkeiten in nicht vorhersehbaren Zeitabständen kontrollierte und damit Grund des Übels war, sich nicht einfach der Reinigung durch unauffälliges Entfernen zu entziehen, ließ jegliches Verständnis für Morods wahre Berufung vermissen. Morod bescheinigte sich dies selbst mit Hilfe der Erinnerungen an zahlreiche Diskussionsversuche diesbezüglich, die stets mit einem nicht zu verhinderndem, Ihr werdet das beseitigen, Adeptus Askar, endeten.
Im Zimmer angekommen, legte er sich auf sein Bett und starrte die Decke an. Nur am Rande sei erwähnt, dass er dies Muster inzwischen auswendig kannte und selbst an anderen Orten vor sein geistiges Auge rufen konnte, was, obgleich er dies sicher abstreiten würde, auch mitunter geschah, wenn er nachdachte.

Morod war nahe daran, seinen nächsten Versuch zum Beweis der Nützlichkeit arkanen Wirkens im Alltag des Studierenden zu erdenken. Allerdings wusste er dies in diesem Augenblick noch nicht wirklich.
Etwa die Dauer eines Stundenglases trennte ihn noch von dem Produkt seiner Genialität, wie auch etwa die drei Schritt von seinem Bett zum Schreibtisch, auf dem die Hausarbeit für Semantik ruhte, die er eigentlich noch zu schreiben hatte, die er jedoch angesichts seiner Notlage auf späteren Zeitpunkt verschob.

 

< Rückwärts          Zurück          Vorwärts >