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Neue Wege - 5. Teil
Mit dick verbundenem
Zeigefinger saß Morod am Wasser in Weidenheim. Sein Antlitz umspielten,
düstere, imaginäre Wolken und selbst wenn jemand zugegen gewesen wäre,
so hätte er kaum den Adepten angesprochen. Zu deutlich stand diesem im
Gesicht geschrieben, dass er wohl jeden angesprungen hätte, der ihn
dort in seinem Hader zu stören gewagt hätte. Dabei hatte der Morgen so
gut begonnen, dachte er bei sich und betrachtete wieder leise und in
Selbstmitleid seufzend seinen inzwischen versorgten Finger, sich dabei
schmerzvoll dessen erinnernd, dass ihn hier an diesen Platz geführt
hatte.
...
..
.
In den letzten Tagen war eigentlich nichts geschehen, dass Morods Laune
zu trüben vermochte. Im Gegenteil, der Besuch im Konvent war
erfolgreich gewesen, denn nun war er offiziell eingetragener Studiosus
des Konvents und hatte somit Zugang zu wichtigen Einrichtungen, derer er
in seiner Ausbildung bedurfte. Es zeichnete sich sogar ab, dass seine
Tage hier in diesem zugigen Loch in Weidenheim gezählt waren. Ein
Umstand, bei dem er derzeit noch rätselte, ob es nicht glückliche Fügung
war oder einfach Resultat seiner Anpassungsfähigkeit, die in
Wirklichkeit andere als mit dem Winde gelebte Gefügigkeit interpretiert
hätten.
Jedenfalls hatte das Gespräch, indem er duldsam, höflich und Interesse
heischend den Ausführungen der Magistra gefolgt war, die Möglichkeit
ergeben, eine Räumlichkeit direkt im Konventkomplex zu erhalten.
Etwas Gold hatte sich inzwischen auch verdienen lassen, denn seine Trünke
wren durchaus gefragt. Zwar war er noch weit entfernt von meisterlichen
Produkten, doch gab es hier genug eitle Damen, denen es nach einem
duftenden Wässerchen gelüstete und auch ausreichend von Heldenmut
beseelte Krieger deren Handwerk mit dem Schwerte die regelmässige
Einnahme von Trünken heilender oder entgiftender Natur garantierte.
Grund genug für Morod, die Existenz der Schwertschwinger, wie er sie
gerne nannte, zu lobpreisen, denn deren närrisches Treiben füllte ihm
den Beutel und somit konnte es nur gut sein.
Heute hatte sich Morod geschworen keinen Tiegel, keinen Mörser, keine
Phiole oder auch nur die Andeutung einer alchemistischen Zutat mit
Blicken zu würdigen. Folglich gut gelaunt besann er sich, was er denn
mit dem Tage anfangen würde. Zuerst dachte er daran, diesen Friedhof
aufzusuchen, dem man nachsagte, Untote Kreaturen trieben sich dort
herum. Der letzte Einsatz seiner arkanen Kräfte, gebündelt in einem
Vas Flam hatte ihm doch zu denken gegeben und es würde sicher nicht
schaden, würde er diese Anwendung fern seines Mobiliars praktizieren
und damit auch studieren. Allerdings mochte es sein, dass dies
keineswegs ungefährlich war und daher gewann die andere Eingebung,
eines seiner, noch vor der Ankunft in diesem Land neu erworbenen Bücher
zu lesen.
Da war dies kleine Buch im braunen Ledereinband, stellte er beim Blick
über das Regal fest, welches er bisher noch nicht durchgearbeitet
hatte. Grundlagen der Beschwörung hieß es und zielsicher griff er
danach.
Morod hielt eigentlich nicht viel von Beschwörungen, insbesondere seit
er in der alten Heimat bei Farim, ebenfalls ein Studiosus, erlebt hatte,
wie dies ausgehen konnte. Dieser hatte damals an der Akademie den Beschwörungsraum,
trotz Verbot dies ohne Tutor zu tun, betreten und am nächsten Tage
hatte man nur noch am Rand des Beschwörungspentagrams einen seiner
Stiefel vorgefunden. Das Werk, welches Morod in Händen hielt, war
allerdings kein sehr umfangreiches Werk und beschäftigte sich auch mit
keinen Beschwörungen höherer Ebenen, so dass Farims Schicksal das
Studium dieses Buches kaum verbat.
Sich einen Überblick verschaffend blätterte er darin. Es ging um
Bannzauber, Schutzzauber und letztlich um Beschwörungen niederster,
daimonische Diener und Helfer. Kapitelweise wurden dort Kreaturen
vorgestellt, welche sich im Alltag als nützliche Helfer des Magus
erwiesen. Tatsachen also, die einen Mann wie Morod sehr wohl
interessierten, denn er war überzeugter Anhänger der Theorie, dass
Magie das Leben vereinfachen konnte und ihr Nutzen letztlich auch ein
Leben in Wohlstand ermöglichte.
Als er so die Seiten blätterte, hielt er mit einem male inne. Die Überschrift,
welche sich dort seinem Auge präsentierte, gewann seine ganze
Aufmerksamkeit. Daimonische Helfer im Laboratorium. Schnell war der
einleitende Text überflogen und erkannt, dass es hier um niederste
Kreaturen ging, die eben gerade so viel Intellekt besaßen, um
einfachste Arbeiten auszuführen, wie beispielsweise dies leidige Mörsern
von Zutaten.
Ein begeistertes Lächeln zierte Morods Lippen und brachte die runden Bällchen
links und rechts seiner schmalen Nase zum Vorschein, die seine Wangen
stets formten, wenn er denn lächelte.
Das war nun in der Tat etwas, dass ihm nützlich vorkam. Er verabscheute
das Zerkleinern im Mörser. Die Handgelenke schmerzten und Schweinerei
gab es in der Regel auch stets. Es lag also nahe, dass solch ein Helfer
von Nutzen war für ihn. Mochte die Kreatur den Mörser bedienen und er
derweil wichtigere und vor allem interessantere Dinge tun.
Morod war nun nicht gerade der geduldigste Mann und, was weit schlimmer
wog, er war schnell von etwas zu begeistern. Ein Umstand, der ihm auch
hier zum Verhängnis wurde, wie die folgende Stunde zeigen würde.
Genau las er das Kapitel und schenkte sich auch die Zeit, es ein zweites
mal zu lesen. Danach stand fest, wenn die Beschwörung richtig ausgeführt
wurde und gelang, der Helfer für zwei bis vier Tage dem Beschwörer zu
dienen hatte, bevor die Bindung aufgehoben wurde und der niedere Daimon
in seine Ebene zurückkehrte. Wollte man ihn vor Ablauf dieser natürlichen
Rückkehr zurücksenden, so bedurfte es einer kleinen Menge Blut, welche
der Daimon zu trinken bekam. Das Buch schlug hierfür eine Maus oder ein
Vögelchen vor, da diese bereits weit mehr Blut in sich führten als benötigt.
Morod war natürlich sofort klar, dass er keiner Maus und auch keines Vögelchens
bedurfte, denn er würde keineswegs beabsichtigen den Helfer frühzeitig
zu entlassen. Dieser sollte durchaus so lange als möglich den Mörser
bedienen und es wäre durchaus ausreichend, wenn er bei Ende der natürlichen
Bindung verschwand. Notfalls konnte man sich ja einen neuen Helfer
beizitieren. Überhaupt war dies geradezu genial, denn so mochte die
Alchemie weniger zur Last geraten wie bisher und er zudem Zeit gewinnen,
in der er anderes erledigen konnte. Das Buch war die hundert Goldlinge
also wert gewesen, wie er nun befand.
Er bedurfte einiger Zutaten für diese Beschwörung, die er zudem besaß.
Überhaupt klang das alles wirklich sehr einfach und so war er sicher,
fiele es kaum ins Gewicht, dass er erstmals solches versuchen würde.
Das Pentagramm und seine Form war aufgezeichnet im Buch und aus Salz
anzufertigen, so stand es beschrieben. Dazu noch Kerzen am Ende einer
jeden Spitze zu entzünden. Etwas Schwefelasche, Blutmoos und Alraune,
die, es war zum weinen befand Morod, im Mörser gestampft und gut
vermischt zu verrühren waren. Doch dies würde für nächste Zeit das
letzte mal sein, dass dieser Mörser Macht über ihn erlangte.
Er nahm von allem etwas mehr als im Buch angegeben, denn so mochte es
sein, dass die Wirkung der Bindung länger hielt und der Helfer so mehr
arbeitete.
Gewissenhaft streute er das Salz auf dem Boden in angewiesene Form. Dann
folgten die Kerzen und letztlich auch das Gemisch aus dem Mörser,
welches ebenfalls in angewiesener Weise im Pentagram zu hinterlegen war.
Fehlten letztlich nur noch die beschwörenden Formeln. Genau las Morod
die Formel, denn ihm war durchaus bewusst, nichts war schlimmer in der
arkanen Kunst als falsch gesprochene Worte.
Eine Haarsträhne nach hinten führend, sank er vor seinem Pentagram auf
die Knie, entzündete die Kerzen mit einem brennenden Span und hielt das
Buch vor sich, um genau die Formel ablesen zu können.
Wohlbedacht und aufmerksam intonierte er die Worte, die ihm dort
vorgegeben waren und kein Fehler unterlief ihm dabei. Gewissenhaft und
mit keineswegs minderer Konzentration wiederholte er die Formel gemäß
Vorschrift zwei weitere male.
Ein erst sachter Schimmer bildete sich in mitten des Pentagrams,
vermehrte sich zu einem schwachen Flimmern, durchwoben von wolkenartigen
Nebeln und schließlich manifestierte sich ein darin auftauchender
Schatten mehr und mehr zu einer kleinen Gestalt, die etwa die Größe
eines aufrechtgehaltenen Karnickels aufzeigte.
Die Beschwörung gelang tatsächlich und Morods Herz sprang vor Freude.
Ganz aufgeregt war er, denn insgeheim hatte er bezweifelt, dass es gelänge.
Fasziniert starrte er auf die Kreatur, die dort mehr und mehr an
Substanz gewann und in seine Ebene hinübergezwungen wurde.
Ein dickes Bäuchlein mit zwei darunter angebrachten, krummen Beinchen
muteten belustigend an. Die Arme, recht dünn und am Ende zwei etwas zu
groß geratene Hände mit nur drei Fingern und einem Daumen, die
allerdings alle kleine, doch recht scharf aussehende Klauen aufwiesen.
Der Kopf, der mangels Hals wohl nur durch die kurze, schmale Brust vom
Bauch getrennt wurde, verleitete dazu an eine Kreuzung aus stark
geschrumpften Ork und einem Wiesel zu denken und der gesamte, kleine Körper
war von einer ledrigen, faltenschlagenden, braunen Haut überzogen. Eine
längliche Schnauze, aus der spitze, dreieckige Zähne seitlich
hervorlugten dominierte den Kopf. Dazu mandelförmigen, fast schwarze
Augen in einem dickfaltigen Gesicht, umgeben von derartig langen
Wimpern, dass die Kreatur einen beinahe treuen, lieblichen Blick inne
hatte, dem Morod auch gerade angetan verfiel und sich etwas vorbeugte,
um genauer zu sehen. Mit der Hand stützte er sich dabei auf dem Boden
ab und sein Daumen verwischte dabei nur geringfügig den aus Salz
gestreuten Kreis des Pentagrams.
Die nächsten Momente, in denen er zudem vergaß, den durchaus wichtigen
Beherrschungszauber zu sprechen, der jener Beschwörungsformel zu folgen
hatte, widerlegten so dann auch jegliche Pusierlichkeit der niederen
Kreatur.
Mit wahrhaft unerwarteter Schnelligkeit sprang die Kreatur los und im
Zimmer umher. Der Stuhl kippte um, als der Helfer von dort direkt weiter
auf den Tisch sprang und alle dort aufzufindenden Tiegel, Döschen und
Fläschchen umkippte, umherwarf oder wegtrat, so dass eine nur schwer zu
beschreibende Schweinerei entstand. Ein geradezu unangenehmes und widerwärtiges,
spitz klingendes Gekecker entglitt der kleinen Kehle und Morod, der
endlich den ersten Schreck ob dieser Reaktion überwunden hatte, sprang
fassungslos und dem Weg der Kreatur mit Blicken folgend auf.
„Was machst du denn? Nein!...nicht werfen...stell das sofort wieder
hin! Oh, du verruchtes, kleines Biest!“, eilte er der Kreatur nach und
versuchte zu fangen, zu halten und zu bewahren, was der Helfer warf,
trat und schubste. Vom Tisch sprang er aufs Bett und in Windeseile hatte
er das Kopfkissen dort zerfetzt und damit bewiesen, dass die kleinen
Klauen tatsächlich die Schärfe hatten, die Morod ihnen beim anfänglichen
Betrachten zuschrieb.
Morods Fassungslosigkeit wandelte sich zunehmend in Wut.
„Duuuuuu......“, rief er zornig, aber durchaus auch mit dem Unterton
der Hilflosigkeit aus, dabei das Innenleben seines Kissens durch den
Raum fliegen sehend und sprang kurzer Hand in Richtung Bett los. In
einer Wolke aus Daunen landete Morod, doch seine zugreifenden Hände
hielten nur Leere gefangen, denn der daimonische Helfer war jenem
Angriff des Adepten durch einen beherzten Sprung in Richtung Regal
entkommen. Geschmückt mit Daunen in Haar und Bart erhob sich Morod
eiligst und wendete sich der garstigen Kreatur zu. Einzig umherfliegende
Daunen waren so noch zwischen ihm und dem kleinen Ungeheuer.
„Du verruchte Ausgeburt niederer Ebenen! Gehorche gefälligst!“,
deutete er mit dem Finger auf die Kreatur und sein Gesicht war dabei
tiefrot vor Wut. Eine weitere unbedachte Handlung, wie Morod wenige
Augenblicke leidvoll erfahren musste.
Für wenige Herzschläge beäugte ihn der Helfer vom Regal aus und
starrte dann auf den Zeigefinger Morods, der noch immer, einer Symbolik
gleich, die Kreatur anprangernd deutete. Der Helfer jedoch sprang mit
einem male in Richtung des Fingers, seine Hände klammerten sich fest an
diesem und noch ehe der überraschte, wie auch perplexe Morod reagieren
konnte, öffnete die Kreatur ihr Maul und biss herzhaft, geradezu mit
einem genussvollen Gesichtsausdruck und ebensolchem zufriedenem Keckern
in den Finger des Adepten, der seinerseits nur voll Schmerz aufschrie.
Es dauerte auch kaum zwei weitere Herzschläge mehr, als die Kreatur
dank des geschmeckten Blutes mit einem leisen Plop verschwand und einen
Morod zurückließ, der sich seinen blutenden Finger, eiligst in ein
Taschentuch gewickelt, hielt.
„Verruchte Kreatur und verwunschenes Ungeschick!“, wetterte er sich
selbst bemitleidend und besah das Chaos in seinem Zimmer.
Der Tisch war eine Masse aus Pulver, Kräutern, Flüssigkeiten, die an
manchen Stellen gar verdächtig blubberte und Bläschen warf und hier
und da mit einigen Daunenfedern verziert war. Bücher lagen unter dem
Regal am Boden und er vermochte gerade noch zu verhindern, dass sich
eines davon an einer umgefallenen Kerze entzünde. Nur noch wenige
Daunen flogen umher, begruben sanft herniederschwebend einen kleinen
Teil des Chaos unter sich. Ganz so, wie der mit Daunen in Bart und Haar,
völlig zerknirscht dastehende Morod seinen Traum von einem ihm
dienenden daimonischen Helfer, der für ihn am Mörser arbeiten würde.
„Verruchte Narretei!“, kam die Erkenntnis wie viele male zuvor über
ihn.
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