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Neue Wege - 4. Teil
Morod hatte nach dem Verkauf
seiner Antiseptika an Rowan endlich wieder etwas Barschaft. Sein Zimmer
war für eine Woche bezahlt, auch wenn er für sich behauptete, dass es
dafür fast der Bezahlung bedurfte in solch Verschlag mit Tür zu
wohnen.
Etwas Essen hatte er eingekauft und auch noch weitere Materialien bei
Rowan erstanden, die er für sein Studium und einige Experimente arkaner
Natur benötigte.
Er saß gerade über einem Buch als er wieder einmal dies verräterische,
schnelle Tapsen kleiner Füße hörte. Seine uneingeladenen Untermieter,
die Ratten waren unterwegs und mussten wohl gewittert haben, dass er
frisches Brot und etwas Käse mitgebracht hatte. Morod legte vorsichtig
das Buch zur Seite und beobachtete die Ecke seines Zimmers. Dort aus dem
ausgebrochenen Stück des Bodens kamen sie immer.
Es dauerte auch nicht lange und eine zuckende Schnauze, lange Barthaare
mit sich führend, lugte hervor. Vorsichtig folgte der Kopf und die
Ratte witterte umher. Der Duft musste verführerisch sein, denn dem Kopf
folgte der birnenförmige Körper und schließlich auch der glatte,
lange Schwanz. Schnüffelnd hob sie immer wieder den Kopf und präsentierte
dabei ihre langen Nagezähne. Morod verabscheute Ratten. Ratten waren Überbringer
von Tod und Krankheit und zudem nutzlose Schmarotzer. Besonders die
Tatsache, dass diese Ratten gedachten sich bei ihm durchzufuttern,
sorgte dafür, dass er ein persönliches Feindbild für diese Ratte und
ihre Mitstreiterin aufbaute. Bisher waren sie ihm stets entkommen und
auch die selbsthergestellten und ausgelegten Rattenhimmelsbringer hatten
sie verschmäht. Oft nutzten sie die Nacht, wenn Morod schlief und er
fand erst des Morgens die Resultate ihres Besuchs. Ohne Zweifel waren
sie gar schon auf seinem Bett gewesen, während er darin schlief, denn
er hatte des Morgens Rattenkot auf seiner Decke gefunden und dies war
wahrscheinlich auch der Moment gewesen, indem Morod solch Verhalten als
offene Kriegserklärung aufgefasst hatte. Seine Decke mit derartigen
Spuren aufzufinden, war für ihn unumstößlich ein Ausdruck dieser
Biester dafür, dass sie ihn verhöhnten und verachteten. Allerdings,
und dies machte Morods Beherrschung hier und da doch sehr zu schaffen,
waren diese heimtückischen Nager alles andere als Dumm und bisher nicht
zu erwischen gewesen.
Nun aber sah es so aus, als habe die Gier der beiden Ratten angesichts
des vor sich hinduftenden Brotes gesiegt und sie wagten es am
helllichten Tag hervorzukommen. Morod seinerseits sah dies als seine
Gelegenheit und die gerade über den Boden huschende Ratte als seinen
Feind an. Hier und jetzt hiess es, die Ratten oder er.
Er sah noch, wie diese unverschämte Getier einen seiner
Rattenhimmelsbringer kurz beschnüffelte und dann links liegen ließ,
als auch schon die Zweite aus dem Loch im Boden schlüpfte. Zielstrebig
steuert sie der Ersten hinterher und auch sie ließ den Giftköder
unangetastet. Dies ärgerte Morod sehr, denn er hatte vier Stunden
darauf verwendet, zu mischen und brauen, um dies Zeug herzustellen. Wohl
jede Ratte auf Erden hätte dies verführend in den Tod gelockt, nur
diese beiden Exemplare nicht.
Unverschämt und raffiniert waren sie. Im Moment versuchten sie ihre
fettleibigen Hinterteile auf einen Stuhl hochzubekommen, der nah des
Tisches stand, auf dem unter anderem auch das Brot lag. Morods Gedanken
rasten. Diese Gelegenheit war einmalig und jede unbedachte Handlung
konnte dem Feind die Flucht ermöglichen und den Krieg zwischen Mensch
und Nager unnötig verlängern. Wie aber konnte er den beiden Räubern
begegnen, fragte er sich, ohne am Ende ein weiteres mal wutschnaubend
den Entkommenden Flüche nachzuwerfen.
Die nächsten Momente in Morods Gedanken gebaren ein Denken, welches
sein restliches Leben nachhaltig beeinflussen würde. Ihm kam sein
Studium in den Sinn, die Tatsache, dass er auf dem Wege war, ein Magus
zu werden und diese beiden Ratten sich wahrhaftig den schlimmsten Feind
auserkoren hatten, der in Weidenheim zu finden war.
Jetzt war der Moment gekommen, da sich der im Leben brauchbare Nutzen
der Magie erstmals beweisen sollte. Er würde diesen glattschwänzigen
Fellträgern eines überbraten, dass ihnen nicht nur Hören und Sehen
verging, sondern auch das Leben.
Morod entschied sich, er stand unter zeitlichem Druck, was bewirkte,
dass ihm keineswegs alle Zauber einfielen, die er kannte und in ruhigen
Momenten auszuführen wusste, für ein klar und deutlich intoniertes Vas
Flam. Begleitet wurden die Worte von einer auf die Ratte deutenden Hand.
Später, so erinnerte er sich, glaubte er tatsächlich der Ratte
erschrocken aufgerissene Augen gesehen zu haben, als ihr klar wurde, was
da auf sie zukam. Morods Feuerball, den die Worte der Macht und sein
konzentrierter Wille herbeigerufen hatte, war nur etwas Faustgroß. Dies
lag daran, dass er einfach noch keine größeren zu erschaffen vermochte
und letztendlich war dies auch Morods Glück.
Die anvisierte Ratte verschwand zunächst in einer kleinen Explosion als
Morods Geschoss auftraf, um dann in Flammen gehüllt zusammenzubrechen.
Allerdings hatte dieser Zauber nicht nur den Sieg über die Ratte zur
Folge. Der Stuhl und der Tisch fingen ebenfalls Feuer, während
die zweite Ratte mit angesengtem Fell entkam, aber fortan nie wieder
auftauchte.
Der einen Herzschlag andauernde Triumph Morods wandelte sich
augenblicklich in Panik als er Stuhl und Tisch in Mitleidenschaft
gezogen sah.
Den Göttern sei Dank, war er jedoch ein gewissenhafter Alchemist. Das
bedeutete, er hatte stets einen Eimer mit Wasser im Raum stehen. Manch
Experiment konnte danebengehen und ein Eimer Wasser war da heilbringende
Rettung. Er überlegte also nicht lange, sprang auf und eilte zu
besagtem Eimer. Seine Panik verursachte einen unbedachten Schritt, der
ihn genau in dem Moment stolpern ließ als er Schwung holte, um
brennenden Stuhl und Tischkante anzuvisieren. Es war nicht mehr zu
verhindern. Das Wasser traf weit mehr auf den Tisch auf als beabsichtigt
und damit auch erst kürzlich erstellte Aufzeichnungen, einen Becher mit
Schwefelasche, welcher wiederum das Brot weitgehendst bedeckte und dank
des folgenden Wassers eine wunderbare Pampe abgab. Zum Glück reichte
der Schwung aus, um auch noch den Stuhl zu erreichen.
Morods erster, in der Not erfolgter Einsatz magischer Künste hatte das
gewünschte Ziel erfüllt und sogar bei weitem übertroffen. Die mangels
Zeit zu genauem Überlegen unbedachte Wahl des Zaubers hatte aber auch
ihren Preis für den Erfolg gefordert.
Die Ratte war zwar tot, das Feuer gelöscht, bevor es ernsthaften
Schaden entfachte, aber die Tinte der keineswegs wertlosen
Aufzeichnungen war hoffnungslos verlaufen und das Brot dank
Schwefelaschenpanate ungenießbar.
Morods Laune war es nach genauer Inspektion all dessen auch.
„Verruchte Narretei!“, schallte es durch den Raum.
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