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Auf den Mauern Mârlanthirs

Fasil stand im Schatten der Zinnen, hoch oben auf den Mauern Mârlanthirs und hing seinen Gedanken nach. Er mochte diesen Platz, da außer den Wachen bisher niemand hier oben anzutreffen gewesen war und er die Ruhe fand, die er suchte. Wachen auf Wachposten machten keine große Anstalten einen seiner Zunft in ein Gespräch zu verwickeln, das einen mehr als drei Sätze wechseln ließ. Zu verschieden war sein und ihr Denken und ihre Interessen, um ein länger unterhaltsames Gesprächsthema zu finden. Folglich blieb es meist bei einer höflichen Begrüßung, einer Erkundigung gegenseitigen Wohlbefindens. 
Eigentlich war er hier heraufgekommen, um seinen Kopf zu leeren, einfach nichts zu denken, doch wie so oft, gelang es ihm nicht. 
Seine Studien über die Kurzlebigen, ihre Sprache, ihre Magie ermüdeten. Lernen in möglichst kurzer Zeit war ihm schon immer ein Gräuel gewesen. Hast und Eile waren ihm zuwider, wie einem Fisch wohl das trockene Land und doch kam er seinen selbstauferlegten Studien diszipliniert und gewissenhaft nach. Zu wichtig war dies Wissen für seine zu erreichenden Ziele. 
Als er so da stand und noch entgegen seines Vorhabens als er auf die Mauer heraufgestiegen war, darüber grübelte, weshalb die Kurzlebigen zwischen Kal und Xen Unterschiede vollzogen, wo doch letztlich beide einer Beschwörung einer Kreatur dienten, also aus seiner bisherigen Überlegung eine Rune jenen Sinn völlig erfüllt hätte, bemerkte er unten am Tor, welches linksseitig seines Standpunktes lag, wie eine Gestalt aus den Toren der Stadt trat. Sein Blick folgte der Gestalt und als diese zu den Statuen aufsah, vermochte er kurzzeitig dem Antlitz des Mannes gewahr zu werden. 
Lathandir, Cûnn der Grauelfen, der kurze Zeit später seinen Weg in Richtung des Hauses, welches er bewohnte fortsetzte. 
Fasil's Gedanken ließen ab von den magischen Rätseln der Kurzlebigen und seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Mann, der dort langsamen Schrittes verschwand. 
Nur wenige male waren sie aufeinandergetroffen und doch war er davon überzeugt, die Abneigung des Grauen gegen ihn deutlich gespürt zu haben. Das letzte Zusammentreffen wäre würdig gewesen eines der Gespräche in den Ratshallen der Heimat dargestellt zu haben. Diplomatisches Lächeln, teils eisige und spitze Worte, auf die Goldwaage gelegt, hatten es geprägt. Ihm war es vorgekommen, als habe der Falke den Habicht und der Habicht den Falken umkreist und dabei versucht einzuschätzen. 
Lathandir war ein Grauelf, den es nicht zu unterschätzen galt und nach einem Gespräch mit einem anderen Hochelfen fühlte er sich in seiner Meinung nur noch bestätigt. 
Dieser Grauelf war ein Herrschertyp, ein Krieger. Einer der gewohnt war, dass andere ihm folgten und er sie führte. Eben ein Cûnn. 
Das ganze Gebaren, seine Sprache, einzelne Gesten und Blicke waren eindeutig, verrieten Selbstbewusstsein und forderten wie selbstverständlich Respekt ein. 
Fasil hatte er bei der letzten Begegnung einige Zweideutigkeiten zugeworfen, die man so und so interpretieren konnte. Durchaus geschickt verpackt und keineswegs als offene Feindseligkeit zu entlarven und doch gepaart mit kühlen Blicken, eindeutigen Betonungen, die zumindest ihm eindeutig erschienen. 
Er wäre kein An'Heron gewesen, dessen Familie zwar nicht zu den bedeutendsten im Rat gehörte, aber immerhin doch zum Rat, wenn er jenen Boden des diplomatischen Turniers nicht ebenso aufrecht beschritten hätte. Eine Stimme konnte Worte so oder so sprechen und allein durch die Betonung deren Sinn verändern und eben jenes hatte er getan, zum Teil gar Worte Lathandirs selbst aufgenommen und einige Momente später in eben solcher höflichen Freundlichkeit retour gesandt. Die Blicke des Grauen hatten Bände gesprochen. Allerdings Bände, die voller leerer Seiten waren, was Fasil wenig behagte. 
Dieser Elf war schwer zu durchschauen, obwohl er auf den ersten Blick einer dieser typischen Kriegertypen zu sein schien. Aber da war mehr, warnten ihn seine Sinne. 
Lathandir war ein gefährlicher Mann und wie ihm später bestätigt worden war, konnte er einem größte Schwierigkeiten bereiten. Schwierigkeiten, die Fasil nicht gebrauchen konnte. 
In der Heimat hätte ihn all dies wenig gekümmert, denn soweit war der Einfluss der An'Herons doch gediegen, dass man sich eines Mannes zu erwehren wusste, wenn es darauf ankam, doch hier war nicht die Heimat. 
Er war hier der einzige An'Heron und Hochelfen und Grauelfen lebten hier, verglichen mit heimatlichen Machtstrukturen, in bizarr anmutender Gemeinschaft. Sein Gefühl sagte ihm, der Graue mochte ihn nicht und allein dies war Grund ihm zu misstrauen, denn jemand der einen nicht mochte und zugleich Macht besaß, der würde einen bei einer Gelegenheit genau dies spüren lassen. 
Politik! 
Nicht mehr war es, was sich da abzuzeichnen begann. Fasil war nie ein Freund der Politik gewesen. Er war hineingeboren worden in eine politische Familie, hatte so Diplomatie, Verhandlung und was sonst dazu gehörte lernen müssen. Niemand hatte ihn gefragt, ob er es wolle oder ob er dafür überhaupt geeignet war. Es stand einfach fest in dem Moment, in dem er das Licht der Welt im Hause An'Heron erblickte. Ein An'Heron war Teil der Politik und so gab es nicht nach Wollen oder Nichtwollen zu fragen. 
So hatte er also auch die Schule der Hauslehrer durchlaufen, wie Dutzende anderer An'Herons vor ihm. Nie hatte ihn jemand gefragt, ob er dies wolle. Nie hatte er ausgesprochen, dass er es nicht wolle. Er war ein An'Heron. 
Als er sich dann mit der Magie zu beschäftigen begann, hatte er vermocht der Politik mehr und mehr zu entfliehen, doch nie gänzlich. Die Familie gab Empfänge, lud politische Freunde ein und so kam man immer wieder mit jenen zusammen, die ihre Schlachten und Kriege mit gewandten Worten und spitzen Federn führten. 
Letztlich war die Politik schuld, dass er hier gelandet war. Die schmutzige Seite der Politik. 
Er ballte die Faust als seine Gedanken diese Erkenntnis aufs Neue geformt hatten, während sein Blick die Gestalt Lathandirs verlor. 
Jener Grauelf dort brachte die Gefahr mit sich, wieder in die Strudel der Politik zu geraten. Politik, die ihn hier noch weniger begeistern konnte als in der Heimat, aber am Ende weit notwendiger zu meistern war. 
Er suchte weder politische Macht, noch Gefolgschaft. Seine Ziele waren andere und auch wenn dieser Grauelf davon nichts wissen konnte, wurde er vielleicht zu einer Gefahr eben jene Ziele zu erreichen. Fasil musste auf der Hut sein. Er durfte es nicht zulassen, dass der Cûnn eines Tages zerstörte, was er gerade sacht zu Schaffen versuchte. Niemand durfte ihm in den Weg kommen. Das Ziel war persönliches Gesetz. 
Die Zeit würde zeigen, ob es bei hin und wieder nicht vermeidbaren spitzen Worten blieb oder ob es notwendig wurde, mehr zu unternehmen. Eines jedenfalls war sicher, Lathandir war eine Unbekannte, die in seiner Gleichung zu einem ungeahnten Einfluss gereichen konnte, wenn er nicht vorsichtig war. 
Es wurde unangenehm kühl und auch das Engerziehen seines Umhangs änderte nichts daran. Fasil beschloss in sein Quartier zurückzukehren und seine Studien wieder aufzunehmen. Ein heißer Tee und das wärmende Kaminfeuer waren verlockend. Strammen Schrittes machte er sich auf. 

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