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Die Wurzel der Verständigung

Den halben Vormittag hatte er damit verbracht die Utensilien vorzubereiten, die er benötigen würde, um die Wurzel der Verständigung, so hatte er sie inzwischen betitelt, herzustellen.
Er hatte die Spinnenseide und auch feinen Sand, die er nach einigen Mischungsversuchen inzwischen in ein Verhältnis zueinander gebracht hatte, die er für geeignet hielt. Auch das goldene Messer hatte er besorgen können, wenngleich er sich noch immer über den Preis ärgerte, den man ihm dafür abverlangt hatte.
Wirklich Schwierig hatte sich wider Erwarten die Beschaffung der Birkenwurzeln erwiesen. In unmittelbarer Umgebung wuchsen keine Birken (zudem hätte er nicht einen Moment daran verschwendet, sich selbst die Mühe des Baumschlagens zu machen) und im Land kannte er sich nicht aus. Der Zufall hatte ihm eine lange Wartezeit und die Mühe der Suche nach Birken erspart. Ein zufällig getroffener Holzfäller versicherte, er wisse wo Birken wachsen und ein entsprechendes Entgeld (dies Land erwies sich als unangenehm kostspielig) veranlasste den Mann tatsächlich die gewünschten Wurzeln herbeizuschaffen. Er war dabei sogar erfreulich schnell, was wohl daran lag, dass er die Stämme selbst verwenden konnte, wie es ihm beliebte und das Entgeld obendrauf bekam. Fasil benötigte nur Wurzeln, kein Holz. Es galt Magie zu wirken und nicht zu schreinern.
Das der Mann ihn mitunter unverschämt respektlos behandelte und wohl für verrückt hielt, da er für gutes Geld nur Wurzeln verlangte, nahm er selbst erzwungen hin, wenngleich er sich ein weiteres mal stumm über die Vertreter dieses Volkes ärgerte. Nur sein so gern zitiertes Motto bezüglich der gerechtfertigten Mittel in Bezug auf einen zu erzielenden Zweck, sowie das Wissen um die Notwendigkeit dieser Wurzeln, ließ ihn das Verhalten des Mannes ungestraft erdulden.
Er hatte sich zurückgezogen und eingeschlossen. Nichts und niemand sollte ihn jetzt stören. Er hasste es bei seinen Studien und Experimenten unterbrochen zu werden.
Sorgfältig und ohne Eile legte er sich die Dinge, Bücher und Aufzeichnungen zurecht und einem Beobachter hätte sich offenbart, dass er dabei eine fast abstoßende Pedanterie an den Tag legte, aber für Fasil war Ordnung, Ruhe, Gewissenhaftigkeit und vor allem Sauberkeit ein wichtiges Gebot in der magischen Kunst (und auch in seinem sonstigen Leben). Unachtsamkeit, Eile und Schmutz hatten schon so Manchem einen aufwendigen, nicht selten auch kostspieligen Zauber misslingen lassen.
Als erstes würde er natürlich die Wurzeln vorbereiten müssen. Sie waren mit einem Gemisch aus Spinnenseide und feinem Sand glatt zu schleifen, hatte es in der Erklärung gelautet. Missmutig verzog er seine ebenen, elfischen Züge. Das Handwerk war der Teil der Thaumartugie (auch Artefaktologie), den er schon immer gerne ausgelassen hätte. Die Tatsache, dass er sich in der Folgenden Stunde bei diesem Vorgang aus reiner Unachtsamkeit einen Splitter in den Finger stach und dadurch eine Viertelstunde an Zeit verlor aufgrund seines Fluchens auf Handwerk, Wurzeln im Allgemeinen und um Seinetwillen, verstärkte nur ein weiteres mal seine Abneigung gegen jegliches Handwerk, dass es selbst zu verrichten galt.
Nachdem er endlich glaubte, die Oberfläche des Wurzelholzes in den Zustand der Ebenmäßigkeit übergeführt zu haben, den er für notwendig (aber auch angenehm bei der Berührung) hielt, machte er sich daran mit dem goldenen Messer die Sollbruchstelle in der Mitte der Wurzel anzubringen. Behutsam ritzte und schnitzte er die Linie in das Holz, welche die Wurzel zentral um die gedachte Querachse umlief. Dann folgte auf beiden Teilen der Wurzel, links und rechts der Bruchlinie das Einritzen von jeweils zehn Runen, deren Abfolge auf beiden Seiten die Gleiche war und die jeweils auf ihrer Seite untereinander verbunden wurden, damit sie in Folge ausgelöst werden würden. Jeweils drei aus dem Satz der Malin-Lehre für einen der drei in die Wurzel zu bindenden Zauber und eine weitere, um schließlich die Abfolge der drei Zauber einzuleiten, in dem man mittels Fokussierung des Geistes auf eben diese eine Rune, gepaart mit der richtungweisenden Geste, die Kettenreaktion auslöste, die der Wurzel ihre Fähigkeit verleihen würden.
Weitere Stunden vergingen mit dieser Art der Tätigkeit und gut die Hälfte der Zeit kostete ihn die Verzierungstechnik der Runen, denn er gedachte keineswegs sein Artefakt, auch wenn es nur einmalig zu verwenden war, primitiv oder unansehnlich zu gestalten.
Den Abschluss bildete ein Anstrich aus Holzkohlenstaub, eingerührt in einen zähflüssigen Saft der Weidenglocke (einer in Büschen wachsenden Pflanze, die diesen Saft lieferte, wenn man sie Anritzte). Dies Verlieh der Wurzel eine ansprechende, dunkelgraue Optik, verlängerte allerdings die Prozedur um eine weitere Stunde des Trocknens, die Fasil nutze, um seinen aufkommenden Hunger zu vertreiben.
Nach dem Trocknen ging es an die Runen. Auch diese galt es farblich zu gestalten, denn bekanntlich zauberte das Auge mit. Vorsichtig und mit ruhiger Hand nahm er einen feinen Pinsel und zog die Linien der Runen mit dem Sekret des Flussschläfers (einer Fischgattung, deren Verdauungsdrüse das Sekret lieferte) nach. Nach der Trocknung, die recht schnell verlief, da das Sekret zügig in das Holz einzog, zeigten die Runen einen Fasil gefallenden, sanften, hellen Blauschimmer.
Zufrieden betrachtete er sich sein Werk und erleichtert stellte er fest, dass er endlich dazu übergehen konnte, seine eigentliche Arbeit, die Bindung der Magie in die Runen zu wirken.
Der Ork mochte wissen, was die Thaumarturgen (spezialisierte Magier, die magische Artefakte herstellen) wirklich dazu bewog, solch Arbeit zu ihrem Tagesgeschäft zu machen. Der Preis von thaumaturgischen Erzeugnissen allerdings konnte vielleicht ein wichtiger Hinweis für solch Begeisterung für diesen Beruf darstellen, dachte er bei sich. Für Fasil stand jedenfalls fest, dass er keinesfalls diese Laufbahn einschlagen würde. Grundwissen und das Anfertigen solcher einfachen Artefakte musste genügen. Er wagte gar nicht daran zu denken, jemals eines der weit komplizierteren, teils auch mächtigen Artefakte herstellen zu sollen, von denen er in einigen Werken gelesen hatte. Ganz davon abgesehen, dass er dies nur nach langwierigen Jahren der Übung und des darauf spezialisierten Studiums vollbracht hätte. Eher würde er sich mit einem Zwergen die Schlafstätte teilen, bevor er sich dieser Langweilerinnung anschloss.
Sein Blick fing seine Aufzeichnungen bezüglich des Gespräches mit diesem Drow und der darin enthaltenen Erklärung der wirkenden Zauber auf, die er nachträglich noch ausgebessert hatte, da er erkannt hatte, dass er im Verlaufe des Gesprächs allzu eilig einige Prozesse und Essentien verwechselt hatte (was ihn im Nachhinein maßlos ärgerte). Er ließ sich Zeit, diese mehrfach zu lesen und damit sicherzugehen, dass er die notwendigen Formeln und Abfolgen der drei Zauber auf einem weiteren Blatt Papier korrekt aufzeichnete. Wenn er die Formeln in Folge wirken wollte, war es hilfreich, sie vor sich liegen zu haben.
Zuerst galt es einen Prozess der Beherrschung zu wirken, der die beiden Holzstücke aneinander band, nachdem sie durch Zerbrechen der Wurzel räumlich voneinander getrennt waren, indem er mittels der Kraft der Essentia des Agens zielgerichtet auf die Essentia des Reagens einwirkte. Er lächelte, denn dies war eine recht einfache Formel. Es galt nur den Prozess der Beherrschung zur Bindung der Magie in die Wurzel, aber auch der zerbrochenen Wurzel, also Holz, welches durch das Prinzip des Lebens verkörpert wurde, dass pflanzliche Materialien einschloss, mittels des Prinzip des Chaos, unter anderem Symbolik für die magische Energie, zu vollziehen.
Der Federkiel zeichnete die drei Runen und die zu sprechende Formel der Malin-Lehre auf, die er sie leise vor sich hin sprach.

ce Nergis Tychu rhegar teleal Zoal“, schrieb er auf, was er sich zur Überprüfung nochmals in „Mit der Kraft des Chaos beherrsche das Leben“ übersetzte, aber in diesem speziellen Fall wohl eher mit „Mit der Kraft der magischen Energie beherrsche das Holz“ die wahre Bedeutung der Formel traf. Letztlich würden die Art der Intonierung, die dabei verwendeten Materialien, die er dabei durch Umwandlung in ihre enthaltene Energie zum Anzapfen der alles umfassenden Quelle aller magischen Energie benötigte, und eine Abfolge der dazugehörenden Gesten die genaue Wirkung der Formel festlegen.

Als nächstes folgte der Prozess der Erkenntnis, um die gesprochenen Worte, also eine direkte Folge des intelligenten Geistes, der in der Symbolik des Elementes Luft vertreten war, mittels des Prinzips des Chaos, also der magischen Energie, zu deuten.
Wieder zeichnete der Federkiel die drei entsprechenden Runen, die ja bereits auch auf der Wurzel angebracht worden waren und die zu sprechende Formel auf, und wieder sprach er sie leise vor sich hin.

ce Nergis Tychu sentira teleal Ater “, schrieb er auf, was er sich auch diesmal wieder zur Überprüfung in „Mit der Kraft des Chaos erkenne die Luf“t übersetzte, aber im Fall dieses Zaubers mit der Übersetzung „Mit der Kraft der magischen Energie erkenne den Geist oder besser die Sprache“ verständlicher wurde.

Schließlich deutete er den dritten Zauber als Prozess der Verwandlung, der die Worte, also erneut die Folge intelligenten Geistes, symbolisiert durch das Element Luft, mittels der magischen Energie, also dem dafür stehenden Prinzip des Chaos für das Gegenüber verständlich machen würde.
Diesmal studierte er allerdings noch einmal in einem dicken Band, den er sich vorsorglich aus der Bibliothek entliehen hatte (inklusive eines viertelstündigen Monologs des Bibliothekars, dass er das Buch zu hüten habe, wie seinen Augapfel und es baldigst zurückzubringen sollte. Nicht vergessend zu erwähnen, dass dies Werk kostbar, etwas Besonderes und, und, und sei. Als ob er dies nicht wisse. Er mochte diese Bücherliebhaber nicht, die am liebsten all dies kostbare Wissen verschließen würden, nur damit kein Lüftchen deren Inhalt gefährden könnte. Dabei gaben erst Leute wie er selbst diesen Büchern einen Sinn, da sie dies Wissen auch nutzten!).
Nach einer halben Stunde war er sich sicher, den Prozess richtig gedeutet zu haben und sein Federkiel brachte die Formel und die drei Runen zu Papier.

ce Nergis Tychu muthar teleal Ater“, schrieb er auf, was er sich auch bei dieser dritten Formel zur Überprüfung nochmals in „Mit der Kraft des Chaos verwandle die Luft“ übersetzte, aber durchaus wusste, dass in diesem Zauber die Übersetzung mit „Mit der Kraft der magischen Energie Verwandle den Geist oder besser die Sprache“ die wahre Bedeutung der Formel traf.

Letztlich galt es noch einen simplen Erschaffungsprozess mittels der Auslöserune zu formen, die dann im Falle ihrer Aktivierung die drei zuvor erarbeiteten Prozesse in Folge auslösen würde und einen Beherrschungszauber, der jeden der Zauber wiederum in den Runen binden würde.
Er schrieb sich also die Formel auf, welche die Magie in die Runen binden würde und schrieb diese jeweils vor die Formel der eigentlich zu bindenden Prozesse. Insgesamt also dreimal.

ce Nergis Tychu rhegar teleal Tychu“, schrieb er je einmal vor jede der anderen drei Formeln auf, was er sich zur Überprüfung in „Mit der Kraft des Chaos beherrsche das Chaos“ übersetzte. Die Bedeutung war aber hierfür mit „Mit der Kraft der magischen Energie beherrsche oder binde  die magische Energie“ besser darzulegen.

Die Auslöserune war ein simpler Erschaffungszauber, der die magische Energie, die in den Runen gespeichert sein würde, befreite also fließen lasse würde. Es galt also mittels des Elementes Wasser, wenige Tropfen würden völlig ausreichen, die magische Energie, sprich das Chaos, zu befreien, also zum Fliessen zu bringen.
Auch diese Formel und die empfangende Auslöserune schrieb er auf, und schrieb dies an das Ende der Formelabfolgen der Prozesse.

ce Nergis Ombrus gennear Tychu “, schrieb er auf. Zur Überprüfung übersetzte er es sich in „Mit der Kraft des Wassers Erschaffe das Chaos“ übersetzte. Die sinnigere Bedeutung war mit „Mit der Kraft des Wassers erschaffe das Fliessen der magische Energie“ gegeben.

Zufrieden und auch etwas ermattet prüfte er ein weiteres mal alle Formeln und deren Abfolge. Auch das Wurzelholz wurde erneut begutachtet und erst als er sich sicher war, alles würde stimmen, beschloss er diesen arbeitsreichen Tag zu beenden, der selbst mit der aufkommenden Dämmerung anzeigte, sich dem Ende zu neigen, wie ein Blick aus dem Fenster in Erfahrung brachte.
Er ordnete Wurzel, Formelblatt und Materialien auf dem Tisch an, so wie er sie brauchen würde und schnappte sich die Bücher. Allein, um einem weiteren ermüdenden Monolog des Bibliothekars bei einer zufälligen Begegnung zu entgehen, würde er sie noch heute zurückbringen.
Gleich morgen früh, nach einem ausgiebigen Frühstück würde er die Herstellung der Wurzel der Verständigung zum Abschluss bringen. Er war begierig darauf zu erfahren, ob sie funktionieren würde, obgleich er keinen Moment daran zweifelte, sondern eher dem Moment des Triumphs entgegenfieberte, wenn er sie diesem Drow präsentierte.

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