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Eine moderne Weihnachtsgeschichte

Stürmische Winde peitschten den Regen vor sich her. Dunkel und nass zeigte sich die Welt und die Scheibenwischer des alten Peugeot 104 liefen auf höchster Stufe, dennoch kaum in der Lage, die Sicht für mehr als einen Wimpernschlag klar zu gestalten.
Josef und Maria, die hochschwanger war und wenig begeistert aus dem Fenster blickte, waren unterwegs zur Kreisstadt Betel. Josef musste dort beim Einwohnermeldeamt seinen Wohnsitz ummelden, nachdem er mit seiner Frau vor wenigen Tagen in diesen Kreis umgezogen war.
Plötzlich begann der Motor des alten Peugeot zu ruckeln und zu stottern. Erschrocken blickte Josef zur Tankanzeige und nahezu zeitgleich erklang Marias Stimme.
"Du hast doch nicht etwa wieder vergessen zu Tanken, Josef, oder?", sprach sie den darin versteckten Vorwurf intonierend.
Josef selbst verzichtete auf eine Antwort und fluchte nur stumm vor sich hin, begleitet von einem beherzten Schlag auf das Lenkrad, als der Wagen schließlich mit einem letzten Rucken endgültig liegen blieb.

Der Regen prasselte auf das Dach und erfüllte die ansonst schweigsame Atmosphäre mit dumpfen, trommelnden Schlägen, unter welche sich das leise Quietschen der Scheibenwischer mischte, die noch immer gegen die himmlischen Wasser anzukämpfen suchten.
Maria aber bedachte nach einer Weile der inneren Sammlung ihren Mann mit allerlei umschreibenden Nettigkeiten, wie sie Verliebte stets auszutauschen pflegten, so der Tank ihres Gefährts im strömenden Regen den letzten Tropfen antreibenden Inhalts verbraucht hatte.

Josef, seine Frau hochschwanger wissend und ohnehin leidgeplagtes Ziel so mancher hormonellen Umstellungslaune seiner Liebsten, rollte nur die Augen und ergab sich ihren verbalen Kanonaden.
Wie sehr er sie doch liebte, auch wenn sein Gefühl für sie in diesem Moment gerade anderer Natur war. Auf eine Atempause innerhalb ihres Wortschwalls lauernd, bereitete er seine Antwort vor. Das Schicksal indes meinte es gut mit ihm und beschenkte Josef mit dem Laut der tief eingesogenen Luft seitens Maria, als diese nach ununterbrochen dargebrachten vier Sätzen (die in sich durch zahlreiche Kommata in die Länge gestreckt waren) endlich dem Zwang der notwendigen Atmung nachgab.
"Dann fahren wir eben mit dem Bus!", entglitt es sachlich, logisch und bar jeder Emotion seinen Lippen.

Gesagt, getan. Josef wartete keine Erwiderung Marias ab, sondern öffnete die Fahrertür, zog den Kragen seiner Jacke enger und stieg aus. Schnell war sein Haupthaar vom Regen getränkt und er blinzelte die Tropfen aus den Augen, sich dabei in der Gegend zu orientieren suchend.
Geübten Blickes (nicht das erste mal befand er sich in solch Situation) sah er umher, denn Josef war Facharbeiter für qualitätssichernde Maßnahmen in der Produktionsabteilung einer Lebensmittelherstellungsfirma. Josef kontrollierte also an einem Fließband in der Fabrik vorbeifahrende Konservendosen auf Eindellungen oder andere nichtgewollte Auffälligkeiten, um diese sogleich auszusortieren.
Schnell erkannte er folglich, trotz der widrigen Umweltbedingungen die nahegelegene Bushaltestelle. Er eilte um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür, ignorierte die ihm wieder dargebrachten Liebesschwüre seiner Frau und griff ihren Arm, um sie zu stützen. Zielstrebig geleitete er sie zu eben jener entdeckten Unterkunft mit Mobilitätsanschluss.

Maria gab auf dem Weg und auch unter der Überdachung der Bushaltestelle angekommen deutlichst zu verstehen, wie begeistert sie von jenen Umständen war.
"Nur wegen dir stehen wir jetzt nass und frierend in diesem Sauwetter und ich wette, der Bus kommt auch nur alle Stunde!", erklang ihre liebliche Stimme, der aber gerade in diesem Augenblick jedwede Lieblichkeit abhanden gekommen war.
Josef schwieg.

Er blickte umher und so fiel ihm auf, dass die Gaslaternen in dieser Strasse bis auf eine Einzige offensichtlich defekt waren. Diese Eine aber, die noch ihren lichtspendenden Dienst verrichtete, stand günstiger Weise nahe der überdachten Bushaltestelle. So kam er in den Genuss von Marias Anblick, deren Antlitz in Folge massiver Regeneinwirkung, gepaart mit noch immer anhaltenden, zweifelsohne heftigsten Gefühlswallungen auf jeden Fall ein unvergesslicher Moment in Josefs Leben wurde.
Hell strahlte diese eine, noch funktionierende Laterne auf das kleine Bushaltestellenhäuschen nieder und tauchte die Szenerie in ein sachtes Licht, welches angesichts der Wetterlage und der damit verbundenen Temperaturen fast wärmend anmutete.
Josef lächelte verträumt, die Stimme Marias nur wie aus Ferne hörend.

Maria hatte sich inzwischen derart aufgeregt, dass sie ein erst sachtes, dann aber doch heftiges Ziehen in ihrem leibe verspürte.
"Josef! Ich bekomme mein Kind!, unterbrach sie selbst eine ihrer gerade neu angesetzten Schimpffolgen.
"Ich weiß Maria, aber was soll ich denn jetzt machen? Ich habe das Wetter doch nicht bestellt und der Kleine wird drin ja nicht nass", sprach er einen Scherz versuchend und wurde gleich darauf lautstark von ihr mit Erkenntnis beschenkt.
"Rede keinen Unsinn, Josef! Mach was! Ich bekomme min Kind! Jetzt!", schrie sie ihn an, obgleich der Schrei mehr ein Ankämpfen gegen die sie gerade heimsuchende Wehe darstellte und weniger Josef galt.
Josefs Gesichtsfarbe verflüchtigte sich als er sich des Sinns ihrer Worte bewusst wurde. Nervös suchte er sein Handy, zeitgleich dabei seine Frau stützend, die inzwischen in ein rhythmisches Hecheln übergegangen war.
Eine zufällig vorbeikommende Passantin gesellte sich hinzu. Sie führte an einer Leine den Grund mit sich, der sie bei diesem Wetter vor die Tür getrieben hatte, einen Bobtail. Derzeit glich er allerdings mehr einem begossenen Pudel.
Bemerkenswert, so sah es jedenfalls Josef, der noch immer seine Frau stützte und sein Handy suchte, war die perfekte Atemtechnik des Hundes, dessen Hecheln den Verdacht aufkommen ließ, dass auch dessen Frauchen eine dieser Schwangerschaftsvorbereitungsvideokassetten konsumiert hatte.
Unbezweifelt half der nasse Vierbeiner Maria, da diese inzwischen ihr Hecheln dem des Hundes angepasst hatte, der darin wiederum eine Geste der Zuneigung zu sehen schien und fröhlich und mangels fehlender Rute mit dem Hinterteil wackelte.
Josef suchte weiter sein Handy, die Blicke der überfordernd schauenden Passantin ignorierend, die selbst nun auch irgendwie angestrengter atmete, seit sie Maria ansah.

Endlich fand Josef jenes Wunderwerk moderner Kommunikation und sich für seinen überraschenden Aufschrei bei seiner Gesprächsteilnehmerin entschuldigend, als die von einer weiteren Wehe geplagte Maria ihm schmerzhaft in den Arm krallte, ersuchte er so telefonisch um Hilfe für seine gebärende Frau.
Die Zeit kroch nach diesem Anruf als schleiche sie dahin, empfand Josef, der inzwischen wieder von Maria mit Flüchen bedacht wurde, einzig von periodischen Hechelübungen unterbrochen, die bereits genannten Bobtail erneut freundlich mit dem Hinterteil wackeln ließen.
Nach und nach versammelten sich um jenes kleine Bushaltestellenhäuschen auch einige andere Passanten, die seltsamerweise alle einen freundlich wedelnden und sich in den Chor des Hechelns einreihenden Vierbeiner bei sich führten. Warum auch sonst, hätten sie bei diesem Wetter vor das Haus gehen sollen, reifte in Josef die Erkenntnis.

Endlich erklang in der Ferne eine Sirene und wenig später kam ein Wagen um die Straßenecke gefahren, dessen Dach rotierende, blaue Lichter krönten. Aus dem Wagen entstiegen sodann drei weiße Männer. Also eigentlich war der eine unter ihnen südländischer Abstammung und daher mit einem dunklen Teint ausgestattet, doch alle drei waren sie in weiße Einsatzkleidung gehüllt und suchten, ihre Gaben in silbern glänzenden Alukoffern mit sich führend, umgehend zu Mutter und Kind vorzudringen.
Die hechelnde Vierbeinerschar steigerte ihr freundliches Wedeln und Hinterteilwackeln.

So begab es sich denn, dass in der Kreisstadt Betel in einem kleinen Bushaltstellenhäuschen im Schein der einzig funktionierenden Gaslaterne ein Kindlein das Licht der Welt erblickte, umringt von einfachen Passanten mit ihren wedelnden, noch immer hechelnden Vierbeinern. Und der weiseste unter jenen drei Weißen übergab seine Geschenke an das junge Elternpaar.
Eine warme Decke mit der Aufschrift, Eigentum der Stadt Betel, für das Kindlein, in welches es auch sogleich eingehüllt wurde, eine Beruhigungsspritze für Vater Josef, dessen Blässe im Moment der eigentlichen Geburt auffällig zugenommen hatte und ein kräftigender Trunk für Mutter Maria, den diese sich angesichts der Umstände in Form einer Infusion einverleibte.

Letztlich aber sah man auf allen Gesichtern, ja nun auch in Josefs Antlitz, das Dank der Spritze an Farbe zurückgewann, ein glückseliges Lächeln. Etwas friedliches erfüllte die Herzen der Anwesenden und jene kleine Bushaltestelle wurde zu einem Ort des Wunders der Geburt.
Irgendjemand warf irgendwann die nicht ganz unwichtige Frage in die Runde.
"Wie soll das Kind denn heißen?"

Stille herrschte da und Josefs Blick fiel auf Marias Erschöpfung zeigendes, aber glückliches Gesicht. Die anderen folgten des jungen Vaters Beispiel und sahen zur frischgebackenen Mutter. Maria aber, die nun die begierig schauenden Anwesenden, welche auf die Antwort auf jene Frage warteten, der Reihe nach bemerkte, blickte nachdenklich umher.
Der Regen fiel in dicken Tropfen und zahllose Pfützen zierten die Straße und den Bürgersteig. Alles glitzerte wässrig im Licht der einzigen Laterne, die hoch droben über dem Bushaltestellenhäuschen jenen besonderen Ort ins rechte Licht rückte. Und als Maria sich so umsah, da geschah es, dass sie mit einem male genau wusste, welchen Namen ihr Kind würde tragen sollen.
Sie sah in die Gesichter der Umstehenden und dann traf sich ihr Blick mit dem Josefs und ihre Lippen gaben sacht lächelnd den Namen preis.
"Nass...tasia soll sie heißen!"

 

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