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Gathrid - Der Suchende

Die Sonne stand noch tief an diesem Vormittag. Erst vor kurzem hatte sie den Horizont überwunden und schickte sich nun an, den Himmel zu erklimmen. Schon jetzt war es warm und obwohl der Wind kühl anmutete, konnte man erahnen, dass dieser Tag heiß werden würde.
Gathrid stand auf seinen Stab gestützt auf der Kuppe eines Hügels und sah hinab auf die Ruinen. Überreste längst vergangener Zeit aus dem Reich eines Königs, dessen Gebeine schon lange in einem Grab ruhten. Er stand nun schon seit über einer Stunde hier und beobachtete die alten Mauern und Reste dessen, was einst stolze Gebäude bildete.
Nichts regte sich dort unten, aber er war sich sicher, diese Mauern beherbergten Leben. Wenn stimmte, was er in Erfahrung gebracht hatte, würde er dort altes Wissen vorfinden, dessen Studium aufschlussreiche Erkenntnisse und neue Ansätze für seine Forschungen lieferten.

Die Frage war nur, was ihn dort noch erwartete. In diesen Tagen war das Leben vielerorts mit Gefahren verbunden und die Ruinen dort unten gehörten zu dieser Sorte.
Mit festem Schritt machte er sich den Hügel hinunter, dabei den Stab als Stütze nutzend. Ohne die alten Gemäuer zu betreten, würde er nichts in Erfahrung bringen können. Das in Aussicht stehende Wissen rechtfertigte das Risiko und er glaubte nicht daran, dass dort etwas lauerte, womit er nicht fertig werden konnte. Die Hügelgräberhöhen, die er alsbald besuchen musste, waren gewiss gefährlicher.

Je näher er kam, desto gewaltiger wirkten die alten Mauern. Hoch ragten sie empor und gaben eine Ahnung der Pracht zum Besten, die einst hier herrschte. Geschwungene Bögen reihten sich aneinander, verwitterte Fresken und Statuen in eigens dafür angelegten Vertiefungen inmitten der Mauern, deren Details nur noch zu vermuten waren, prägten das sich bietende Bild. Säulen standen ohne Funktion zwischen den Mauern, da die Decken und Dächer, die sie einst trugen verschwunden waren. Hier und dort lagen ganze Mauerstücke oder zerborstene, umgestürzte Säulen und Bogenelemente umher. In ein paar Jahrhunderten würde von alldem hier nichts mehr zu sehen sein. Die Natur holte sich zurück, was der Mensch ihr in früherer Zeit genommen hatte.

Ohne Hast näherte sich Gathrid und schenkte all dem, was es zu erblicken gab, einen Teil seiner Aufmerksamkeit. Bei einer der Fresken blieb er stehen und besah sie eingehender. Eine Darstellung einer Jagdszene, so konnte man meinen. Leider waren auch hier viele Details verloren gegangen, doch wenn er es richtig interpretierte, so wurde hier eine Saujagd abgebildet. Leise brummte er bei diesem Anblick. Es war zu ärgerlich, dass an allem hier der Zahn der Zeit schon so sehr genagt hatte. Hoffentlich war das, was er zu finden hoffte in besserem Zustand.

Irgendwo polterte ein Stein herab. Gathrid, der eben noch vorgebeugt eine der auf der Freske dargestellten Figuren genauer betrachtet hatte, richtete sich schlagartig auf und sah wachsam umher. Die Finger umfassten den Stab fester, so dass sich die Knöchel weiß färbten. Vorsichtig bewegte er sich in die Richtung aus der er das Poltern gehört hatte.
Möglicherweise war nur ein Stück Mauer herab gefallen, dass im Lauf der Zeit den Halt verloren hatte. Es konnte auch nur ein Tier gewesen sein, dessen Weg einen losen Brocken zum Fallen gebracht hatte. Wenn es aber etwas anderes gewesen war, so war Vorsicht angebracht und Gathrid gedachte keineswegs durch Sorglosigkeit in Bedrängnis zu geraten.
Vor ihm gähnte ein alter Torbogen, durch den damals vermutlich einer der zahlreichen Innenhöfe erreicht wurde. Nun gab er sich besondere Mühe, seine Schritte leise zu setzen. Er spürte seinen Herzschlag und mahnte sich stumm zu mehr Ruhe. Er war zu aufgeregt. Einer alten Atemübung folgend, versuchte er die Aufregung zu vertreiben.

Vor dem Torbogen verharrte er. Irgendetwas stimmte nicht, auch wenn er es nicht in Worte zu fassen wusste, spürte er es ganz deutlich. Sein Blick wanderte nach oben und er suchte die Mauern und Vorsprünge ab. Nichts und doch mahnte ihn sein Instinkt den nächsten Schritt genau zu bedenken.
Noch während er sich so umsah und versuchte etwas Verdächtiges zu entdecken, drang ein ranziger Geruch an seine Nase. Altes Fett roch so und er wusste nur zu gut, wer sich dessen bediente, um Leder geschmeidig zu halten und Sorge dafür zu tragen, dass es bei Bewegungen nicht zu laut knarzte.

Langsam ging er rückwärts, sein Blick huschte über die Mauern. Wo einer war, da waren andere nicht fern und jeden Moment konnten sie hervorspringen, um über ihn herzufallen. Seine Ferse stieß gegen die Mauer hinter sich und er lehnte sich zurück, bis er auch mit dem Rücken den harten Stein spürte. Sein Rücken war nun sicher und er musste nicht fürchten, dass ihn eines dieser Biester von hinten ansprang.
Er zwang sich ruhiger zu atmen. Aufregung war des Kundigen Feind, denn die alten Worte bedurften genauester Konzentration und Intonation, so ihre Wirkung die sein sollte, die man erwartete.

Wieder fiel irgendwo polternd ein Stein in die Tiefe. Sie kamen näher und der anfängliche Geruch war längst einem anhaltenden Gestank nach ranzigem Fett und wilder Ausdünstung gewichen. Sie mussten sehr nah sein und jeden Augenblick würden sie auftauchen.

Dann war es soweit. Gleich drei von ihnen kamen durch den Torbogen und rissen die Mäuler in ihren hässlichen Fratzen auf, um schrill schreiend auf Gathrid zu zustürmen. Zwei führten Speere mit sich, während einer einen Schild und eine alte, schartige und angerostete Klinge über dem Kopf schwang. Bilwisse, wie der Geruch es schon lange vorher verraten hatte.
Dem ersten streckte Gathrid die Hand entgegen, leise Worte murmelnd. Kurz darauf pustete er in die Richtung des Bilwiss und aus dem harmlosen Lüftchen, welches seine Lippen verlies erwuchs ein starker Wind, ein Sturm und dort, wo der Bilwiss stand, erfasste eine mächtige Orkanböe den Bilwiss und schleuderte ihn gegen die Mauerreste. Laut und deutlich knackte es als dessen Knochen brachen und ein kläglicher Laut entkam seinem Maul, bevor das Leben ihn verlies. Einer der beiden anderen zögerte als ihm klar wurde, einen Zauberer vor sich zu haben.

Gathrid aber nutzte die Zeit und schleuderte dem heranstürmenden Dritten feurige Asche entgegen. Jaulend und schreiend sprang der von Flammen eingehüllte umher und versuchte der ihn verzehrenden Hitze zu entkommen, doch es gab kein Entkommen und so brach er einige Schritt entfernt zusammen. Dampfend und stinkend lag sein zum Teil verkohlter Körper reglos am Boden.
Der Zweite hatte wohl beschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten und darauf zu vertrauen, dass Gathrid in der kurzen Zeit nicht auch noch eine dritte Formel zu sprechen vermochte. Einen wilden Schlag führte er in des Zauberers Richtung und dieser hatte Mühe ihm ausweichen. Krachend traf die schartige Klinge auf die Mauer und Funken, sowie kleine Steinstückchen flogen umher. Fauchend holte der Bilwiss mit dem Schild aus und versuchte es Gathrid vor die Brust zu schlagen, doch diesmal war dieser vorbereitet, lenkte den Schlag mit seinem Stab ab und führte seinerseits einen Hieb in Richtung des Angreifers aus.
Der Stab traf in die Seite und entlockte den Rippen des Bilwiss ein knackendes Geräusch. Halb vor Schmerz und halb vor Wut schrie die Kreatur auf und schickte sich an Gathrid die Spitze seiner Klinge in den Bauch zu rammen. Der Zauberer aber wich abermals aus und vollführte eine schwungvolle Geste mit seiner Hand, hauchte einige leise Worte und der Bilwiss stand inmitten einer Säule blendenden Lichts, kaum dass die Worte verklungen waren. Er schrie auf und als das Licht kurz darauf wieder verging, brach er leblos zusammen.

Schwungvoll führte Gathrid eine Drehung aus, dabei den Stab mitführend. Doch da war kein Gegner mehr, den er einen seiner Zauber oder den Stab hätte schmecken lassen können. Es dauerte einen Augenblick bis er realisierte, dass es vorbei war.
Bilwisse, hier. Ein schlechtes Zeichen, wenn sie sich in diese Gegend wagten. Wo diese Kreaturen auftauchten, waren die Orks selten weit. Nur zu gern gebrauchten sie die kleineren Bilwisse als Kundschafter und Späher. Vielleicht waren sie nur kundschaften gewesen, diese drei, aber er würde weiter wachsam sein. Am Ende lauerten noch mehr von ihnen hier in den Winkeln und Schatten der Ruinen oder er würde sogar auf Orks stoßen. Das Dunkle streckte also auch schon hier her seine Krallen aus.

 

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