Milan - Bekanntschaft mit einer Raketenschleuder

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Er liebte seine neue Maschine. Natürlich hätte er dies nie offen ausgesprochen, denn es mutete sicherlich seltsam an, wenn ein Pilot von der Liebe zu seinem Fluggerät sprach. Obwohl gerade bei Jägerpiloten nicht selten recht merkwürdige Gestalten zu finden waren.

Einige Patrouillenflüge lagen bereits hinter ihm und kleinere Auseinandersetzungen mit Mollys und Xenos waren dank der Y-Wing und der grandiosen Bewaffnung kein Problem gewesen. Seine Vorgesetzten schienen auch zufrieden, denn er hörte nichts von ihnen. Eine alte Kadettenweisheit besagte, dass schweigende Offiziere gute Offiziere waren und dies wiederum ein Zeichen für gute Leistungen.

Dann teilte man Steven zu seiner Überraschung mit Lieutenant Neuntöter für ein simuliertes Gefecht ein. Die Begründung war ebenso schlicht wie kurz gehalten. Er benötige mehr Kampferfahrung und bei den Birds würde regelmäßig solch Training durchgeführt.
Er hatte schon von tatsächlichen Kämpfen zwischen Piloten gehört, die ihre Bordsysteme auf Übungsmodus konfigurierten. Wohl war ihm dabei allerdings nicht. Reale Übungskämpfe, abseits der Simulatoren, waren das Einzige, dem er nicht traute.

Entsprechend aufgeregt flog er linkseitig von Neuntöter. Der Mann, dessen Fliegerkombi am Bauch spannte und darauf deutete, dass er kulinarischen Genüssen nicht abgeneigt war oder schlicht zuviel saß, war einer dieser Scherzbolde. Stets ein flotter Spruch auf der Zunge, gleich ob es passte oder auch nicht. Vielleicht einer derer, die ihre Anspannungen und Sorgen mit humoristischer Art verarbeiteten, dachte er bei sich. Freundlich war er jedenfalls und man kam mit ihm aus. Wirklich intensiven Kontakt hatte er ja mit noch keinem der Birds aufbauen können und so war auch dieser Lieutenant Neuntöter noch ein Fremder für ihn.

„Milan, gib die Sicherheitskennung für meine Maschine ein und stell auf Gefechtsmodus mit Übungswaffen um. Mach nichts falsch, ich möchte ungern in einer Rettungskapsel zu meiner Verabredung heute Abend“, kam es über Intercom an, gefolgt von einem Lachen Neuntöters.

„Roger, Lieutenant! Sicherheitskennung eingeben und Gefechtsmodus mit Übungswaffen“, bestätigte Steven.

Unausweichlich kam nun dies, was er gar nicht mochte. Todbringende Waffen wurden vom System auf Übungsmodus umgestellt. Sensoren und Leitsysteme würden fiktive Schüsse und Treffer registrieren, die nur für das Auge aus gleißenden Lichtstrahlen bestanden. Die Strahlen, welche die Waffen verließen, waren defokusiert und gering an Energie. Jedenfalls, wenn das Sicherheitsprogramm für diese Übung nicht versagte.

„Halt Position, Milan. Ich flüchte mal eben vor dir auf 3K“
Deutlich hörte er Neuntöter grinsen bei diesen Worten.

„Roger, Neuntöter“

Seine Hände wurden feucht. Warum trainierte man nicht im Simulator. Wenn etwas schief lief, dachte er bei sich.

„Ready for Go?“, kam die Frage aus dem Intercom und ein Blick auf die Sensoren verriet Neuntöter in 3,2 K Abstand.
„Ready for Go“, bestätigte Steven.
“Dann wollen wir mal, Milan! Go!“

Der Punkt auf dem Sensorendisplay kam näher. Steven ging auf Schub und eilte dem Jäger des Lieutenants entgegen.

„Rakete im Anflug!“, berichtete eine ruhige Frauenstimme und gleichzeitig donnerten schon Strahlenwaffen auf seinen Frontschild, dessen Leistungsanzeige rapide sank.

Steven versuchte Standardausweichmanöver und die Linke ordnete Gegenmaßnahmen über entsprechende Sensorfläche an.

Da schoss Neuntöters Maschine auch schon an ihm vorbei. Keinen Treffer hatte er bei ihm gelandet, aber zwei Drittel seines Schildes verloren.
Die Wangenmuskeln begannen zu arbeiten. Ein sicheres Zeichen bei Steven, dass er wütend wurde.

„Rakete im Anflug!“
„Rakete, wieso Rakete? Der ist doch eben erst...verfluchte Scheisse!“

Ein Einschlag im hinteren Schild ließ selbiges laut Anzeige auch zusammenbrechen. Er zeigte Neuntöter nun den blanken Hintern und der würde sicher reintreten, wenn er es nicht verhinderte.

Geschickt wendete er und sah nun auch den Grund dafür, wieso der Lieutenant so schnell eine Rakete hatte feuern können, kaum dass er an ihm vorbei war. Der Mistkerl hatte den Schub voll umgekehrt, wahrscheinlich auf der Stelle gewendet und stand nahezu im Raum.

„Rakete im Anflug! Rakete im Anflug!“

Steven geriet ins Schwitzen. Jetzt wusste er, warum einer der Techniker ihm viel Spaß mit Raketenschleuder gewünscht hatte. Dieser Neuntöter warf die Raketen raus als gäbe es für verschossene Mengen Freischichten.

„Gegenmaßnahmenwerfer verloren! Frontgeschützt verloren! Rakete im Anflug!“

Minen, schoss es Steven durch den Kopf. Stehenden Objekten schenkt man Minen. Er wollte es gerade umsetzen als sein komplettes Kontrolldisplay rot blinkte und im Intercom Neuntöter vergnügt lachte. Die Maschine erlaubte kein Manöver mehr.
Soeben war Stevens Rumpf geborsten und wäre dieser Kampf echt gewesen, schwebte er mit viel Glück nun in einer Rettungskapsel.

„Du brauchst noch einiges an Übung, Milan. Immerhin gehöre ich nicht zu den Besten bei den Birds!“, lachte der Lieutenant.
„Aye, Sir!“, antwortete Milan zähneknirschend.

Schlimmer als die Niederlage eines Anfängers wog die gute Laune von Neuntöter.
Er würde üben und es ihm beim nächsten mal deutlich schwerer machen.

„Ab nach Hause, Milan! Ich glaube, heute hat der Koch meinen Lieblingspudding gemacht“

Neuntöter schwenkte in Richtung Nest ein und Steven gab den Sicherheitscode ins System, der alles wieder auf Bereitschaft setzte. Die Y-Wing war nun wieder im Realmodus.
Steven flog in Gedanken an Neuntöters Flanke. Er hasste es zu verlieren und erst recht, wenn er dabei wie ein Neuling zerlegt wurde.